Faktencheck: Gutachter Kail

Auf dem YouTube-Kanal „Gutachter Kail“ rechnet Fabian Kail – nach eigener Aussage forensischer Sachverständiger für Bauphysik, Schimmel und Versicherungsschäden – vor, wie schnell sich Windindustrieanlagen amortisieren. Dabei gibt er vor mit „Lobby-Märchen“ und „Polit-Mythen“ rund um Heizung, Klima und Bau aufzuräumen.

Kail berichtet zunächst aus seinen eigenen YouTube-Kommentaren von einer Diskussion mit Anhängern einer im Video nicht beim echten Namen genannten, sondern spöttisch als „patriotische Heldenpartei“ bezeichneten Partei (erkennbar als Anspielung auf die AfD). Ein Meinungsvideo also mit klarer politischer Schlagseite, das mit einer scheinbar sachlichen, zahlenbasierten Argumentation arbeitet. Die Rechnung ist in ihrer Struktur nachvollziehbar und die Größenordnungen sind nicht unrealistisch, aber

  • es fehlen nachprüfbare Quellen für die konkreten Zahlen,
  • der emotionale/spöttische Rahmen („Heldenpartei“, „Stammtischparolen“) signalisiert, dass es primär um Meinungsbildung und Empörung, nicht um neutrale Aufklärung geht,
  • der letzte Satz („nicht kommen mit ja aber PFAS“) deutet an, dass im Kanal noch weitere Kontroversen (z. B. um PFAS in Rotorblättern) ausgeklammert bzw. abgewehrt werden, ohne dass diese hier inhaltlich behandelt werden.

Rhetorischer Aufbau:

  • Das Video folgt einem bekannten Format vieler politischer YouTube-Kanäle: „Ich erzähle eine Geschichte aus meinen Kommentaren“ als Aufhänger für eine Fakten-Widerlegung. Das schafft Nahbarkeit und positioniert den Sprecher als denjenigen, der sich „an Fakten hält“, die Gegenseite wird schon vorab dagegen als „Stammtisch“ Niveau degradiert.
  • Die bewusste Vermeidung des echten Parteinamens („patriotische Heldenpartei“) ist ein propagandistisches Stilmittel, um Häme/Spott zu transportieren – typisch für zugespitzte politische Kommentarformate.

Die Kernaussage des Videos

Ein 6-MW-Windrad amortisiere sich energetisch in 93 Tagen und finanziell in 8–9 Jahren, bei 25–35 Jahren Laufzeit.

Was stimmt

Windkraftanlagen amortisieren sich energetisch tatsächlich in Monaten, nicht Jahren. Unabhängige, peer-reviewte Studien (u. a. eine Analyse von 4.161 realen Standorten in Nordwesteuropa, ACS Environmental Science & Technology) beziffern das auf 1,8 bis 22,5 Monate, im Mittel 5,3 Monate. Der IPCC nennt einen Median von 5,4 Monaten. Der Bau ist inklusive Bergbau, Transport und Rückbau in diesen Modellen bereits eingerechnet.

Die 93 Tage aus dem Video sind der optimistische Rand dieser Spanne, passend zu einem Starkwindstandort (8,5 m/s). Der gesetzliche Referenzstandort im EEG liegt bei 6,45 m/s – realistischer für viele Binnenlandstandorte. Bei geringerem Ertrag verdoppelt sich die Amortisationszeit näherungsweise. Bundesweiter Durchschnitt 2025: nur 1.608 Volllaststunden – die Hälfte der 3.200 Stunden, mit denen das Video rechnet.

Was das Video ausblendet

„Energetische Amortisation“ ist keine Vollkostenrechnung. Sie sagt nur: Die eingesetzte Energie ist zurückgeholt. Sie sagt nichts über:

  • EEG-Zahlungen: Die im Video genannte Wirtschaftlichkeit hängt an einer garantierten Mindestvergütung (aktuell ca. 5,1–5,5 ct/kWh), die von den Steuerzahlern über die Netzentgelte und EEG gleich doppelt finanziert wird – kein rein marktwirtschaftliches Ergebnis.
  • Rückbaukosten: Der Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz stellte 2024 fest, dass Sicherheitsleistungen für den Rückbau bei geprüften Anlagen um 26 Mio. € zu niedrig angesetzt waren und Rückbaukosten bei älteren Anlagen (vor 2004) oft gar nicht abgesichert waren – finanzielles Risiko allein bei den geprüften Anlagen: über 16 Mio. €. Inflation und steigende Entsorgungskosten sind darin nicht eingepreist. In Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern sieht dies nicht besser aus – eher schlechter, weil durch den früheren Ausbau, dort mehr unbesicherte Altanlagen stehen.
  • Reale Wirtschaftlichkeit kommunaler Projekte: Ein Bericht des Rechnungshofes Rheinland-Pfalz zu kommunalen Anstalten öffentlichen Rechts zeigt, dass die Betriebsergebnisse im Bereich Windenergie teilweise deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückblieben – meist wegen unzureichend belastbarer Windertragsgutachten und mangelnder Risikoberücksichtigung. Nur sieben von vielen geprüften Anstalten hatten bis 2023 überhaupt Gewinne an ihre Träger ausgeschüttet.
  • Umweltkosten außerhalb der Strombilanz: Flächenversiegelung durch Fundamente und Zuwegung, Rohstoffabbau im Ausland (Kupfer, Neodym) mit dortigen massiven Umweltfolgen, sowie Risiken durch Schadstofffreisetzung bei Havarie oder Brand (Kunstharze, Öle, Kunststoffe) tauchen in keiner der zitierten Zahlen auf. Stattdessen wird der Nutzen pauschal als „sauberer Strom“ bezeichnet – was er nun mal nicht ist.
  • Stillstandszeiten: Wartung, Sturmabschaltung, Eisansatz und Netzengpässe reduzieren den realen Ertrag über die im Video genannte Abregelungsquote hinaus.

Quelle: YouTube Kanal Gutachter Kail

Fazit

Die Physik im Video ist grundsätzlich richtig, aber am günstigsten Fall gerechnet und um alle Posten bereinigt, die das Bild trüben würden. Das und das unübersehbare rhetorische Framing macht es zu nicht mehr als einem Stück Propaganda. Wer Windkraft seriös und unpolemisch bewerten will, braucht die Bandbreite (Monate bis fast zwei Jahre energetisch, stark standortabhängige Wirtschaftlichkeit, reale Förder- und Rückbaurisiken) statt einer einzelnen, freundlich gerundeten Kommazahl. Die Zielgruppe sind Menschen, die an einer sachlichen Auseinandersetzung nicht interessiert sind, sondern sich nur in ihrer ideologischen Blase bestätigt sehen wollen.

Dass Wind- und Solarstrom jetzt schon zeitweise zuviel „Flatterstrom“ liefern – was sich in negativen Marktpreisen bemerkbar macht – oder eben zu durch die Wetterabhängigkeit auch oft zu wenig, scheint Kail nicht zu stören: Der Kraftwerkspark, denn es als Backup zur Stromerzeugung braucht, wird mit keiner Silbe erwähnt. Wenn wetterabhängige Erzeuger aber ohne diesen den Bedarf nicht decken könne, müssen diese Kosten in die Rechnung zwangsweise mit aufgenommen werden. Dass man allein mit wetterabhängigen Erzeugern keine Versorgungssicherheit hat, sollte jedem klar sein. Und wenn man dieses Problem mit Speichern, die nach 10-15 jahren ihr Laufzeitende erreichen, angehen will, gehören diese Kosten ebenfalls in die Rechnung.

Die Kommentare zum Video erschrecken am meisten. Denn sie offenbaren genau das, was die eigene politische Blase bei der Gegenseite als Hetze und Populismus bezeichnen würde. Von Idioten, Schwurblern und Putins Stiefelleckern ist die Rede, das Verbieten der Partei mit der gegensätzlichen Meinung wird offen gefordert. Und interessanterweise ist ausschließlich von Geld die Redenicht von Umwelt oder Klimaschutz, was doch meist als Grund angeführt wird, warum wir diese Maschinen aufstellen sollen?!

Ein Exkurs in Geschichte

Hermann Honnef – ein Luftfahrttechniker – entwarf in den 1930er Jahren gigantische Windkrafttürme, den sogenannten „Reichskraftturm“: Stahlgitterkonstruktionen von bis zu 430 Meter Höhe mit mehreren gegenläufigen Rotoren von 160 Meter Durchmesser, die zusammen rund 20 MW bei 15 m/s Windgeschwindigkeit liefern sollten – also höher als der Eiffelturm. Die NS-Führung war zunächst begeistert, weil man auf eine autarke Energieversorgung unabhängig von Rohstoffimporten hoffte. Hitler lehnte die Großtürme aber 1940 persönlich ab. NSDAP-Reichsleiter Robert Ley teilte Honnef mit: „Der Führer hat sich gegen Ihre Großkraftwerke mit hohen Türmen ausgesprochen – Er will Kleinanlagen. Am liebsten möchte er auf jedem Dach ein Windrad sehen.“ Später, nach Kriegsbeginn, gewann die Idee dezentraler Windkraft nochmal an Bedeutung: viele einzelne Windkraftanlagen sollten das Stromnetz weniger anfällig gegen Bombardierung der wenigen großen Kohlekraftwerke machen. Umgesetzt wurden Honnefs Pläne trotzdem nie in Originalgröße – seine tatsächlichen Testanlagen waren nur etwa 30 Meter hoch.

Ulrich Hütter, ein deutsch-österreichischer Luftfahrtingenieur, entwarf im Auftrag von SS-Brigadeführer Walther Schieber die ersten wissenschaftlich fundierten Windkraftanlagen der Welt, in einem geheimen Forschungsprojekt, das über die Thüringer Gustloff-Werke lief. Hütter übertrug als Erster die Grundsätze der Flugzeugaerodynamik auf Windkraftflügel. Nach dem Krieg baute er das weiter aus und schuf als Konstruktionsleiter bei den Allgaier-Werken die StGW-34 – eine 100-kW-Anlage mit damals revolutionären Kunststoff-Rotorblättern, die weltweit rund 200-mal aufgestellt wurde und heute als Urmuster moderner Windturbinen gilt.