Bürger werden angehört – aber nicht gehört
In den Ortsgemeinderatssitzungen der Verbandsgemeinden Selters und Wirges wird derzeit der Bau des Windpark „Drei Eichen“ diskutiert – 7 Windkraftanlagen, jede knapp 300 Meter hoch, geplant im Wald zwischen Siershahn, Leuterod, Helferskirchen, Vielbach und Quirnbach. Die Anlagen, die vom Energieversorger EVM projektiert werden könnten, würden dann den Wald um das Zehnfache überragen. Die Bürgerinitiative „Rettet unsere Natur und Wälder“ hat in mehreren Versammlungen sachliche Einwände vorgebracht. Das Ergebnis: Man wird – nicht immer freundlich – angehört – und dann ignoriert.

Beispiel Vielbach: Der Protokollstil sagt alles
Der Bericht über die jüngste Sitzung in Vielbach, in der Ortsbürgermeister Uli Schneider den Meinungsaustausch zwischen Gemeinderat und Bürgerinitiative zusammenfasste, ist aufschlussreich: Nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner Form. Er ist nämlich nicht objektiv, sondern versucht manipulativ Fakten zu suggerieren. Es wird schlicht festgestellt: Die Gegenargumente seien nicht stichhaltig. Die Immobilienstudien zeigten Extremwerte. Die gesundheitlichen Belastungen seien nicht zu befürchten. Fertig. Keine Begründung.
Eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Argumenten fehlt. Stattdessen heißt es lapidar, aus den vorliegenden Informationen ergebe sich „aktuell kein Grund, das Projekt abzulehnen.“ Die notwendige Baumfällung sei „gering“. Die Planungen berücksichtigten „alle relevanten Bedenken“ – was leider eben nicht stimmt. Alle Gegenargumente werden weggefegt.
Das eigentliche Motiv der Befürworter: Geld.
Was in Vielbach wenigstens noch diplomatisch verpackt wird, kam in den Gemeinderatssitzungen von Helferskirchen und Leuterod direkter zum Vorschein: Die Befürwortung der Windkraftanlagen erfolge, so geht es aus den Sitzungsprotokollen hervor, „ausschließlich aus monetären Interessen.“ Die Gemeinden brauchen Geld – für Kindergärten, Schulen, Infrastruktur. Die Pachteinnahmen aus dem Windpark sollen Haushaltslücken schließen.
Das ist nachvollziehbar, denn das kommunale Finanzierungssystem ist seit Jahrzehnten strukturell kaputt. Gemeinden werden von Land und Bund mit Pflichtaufgaben überhäuft und finanziell ausgesaugt. Wer unter diesem Druck ein Angebot bekommt, das kurzfristig Einnahmen verspricht, greift zu. Parteigänger derselben Parteien, die auch in Land und Bund aktiv sind, sind dafür offenbar blind. Dass die Zustimmung in der Bevölkerung immer weiter schwindet, scheint dabei vollkommen egal zu sein.
Gewinne werden privatisiert. Verluste und Risiken werden sozialisiert.
Was die beteiligten Gemeinderäte offenbar nicht verstehen – oder nicht verstehen wollen –, ist der eigentliche Geldkreislauf. Die Einnahmen aus dem Windpark stammen nicht aus dem Nichts, sie werden zu einem erheblichen Teil aus Steuermitteln finanziert: durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), durch garantierte Einspeisevergütungen, durch CO2-Steuern – mit zuletzt über 20 Milliarden Euro jährlich. Dazu kommen die hohen Strompreise, die Verbraucherinnen und Verbraucher direkt belasten. Diese Gelder werden uns abgenommen und umverteilt.
Das Muster: Der Steuerzahler zahlt – über Steuern und Stromrechnung. Das Geld fließt an den privaten Betreiber. Der Betreiber erwirtschaftet Millionengewinne. Die Gemeinden erhalten Pachteinnahmen über 20-25 Jahre, verglichen mit den EEG-Erlösen Peanuts . Und im Gegenzug verpfänden sie ihren Wald auf Jahrzehnte und am Ende der Laufzeit werden sie wohl die Kosten des Rückbaus tragen müssen – denn i.d.R. sind Bankbürgschaften nicht ausreichend, um diese zu decken. Dass der Wald – einmal bebaut – NIE WIEDER Wald sein wird, scheint den „klimarettenden“ Volksvertretern vollkommen egal zu sein, denn es geht in erster Linie um die Einnahmen.
Der direkte Weg, die Steuergelder in die Gemeinden zu lenken, wäre nicht nur effizienter, er wäre auch gerechter. Es müsste kein Wald dafür geopfert werden und keine Gemeinde müsste sich in eine jahrzehntelange Abhängigkeit von einem privaten Energiekonzern begeben. Dies bei den Spitzenpolitikern der eigenen Parteien einzufordern, kommt den Gemeinderäten aber nicht in den Sinn.

Die Risiken, die niemand benennt
Ein Bürger aus Siershahn – unmittelbar von dem Projekt betroffen, obwohl die Anlagen nicht auf seiner Gemarkung stehen – hat zur heutigen Gemeinderatssitzung am 27. April 2026 ein detailliertes Dokument vorbereitet, das die Risiken des Projekts systematisch auflistet. Seine Fragen an den Gemeinderat sind konkret und sachlich. Die Antworten darauf sind offen. Ob sie wohl beantwortet werden?
Ein Gebiet ohne Vorrangausweisung – kein Zufall
Besonders pikant: Der geplante Windpark liegt laut dem Siershahner Bürger nicht in einem laut Regionalem Raumordnungsplan (RROP) ausgewiesenen Vorranggebiet für Windkraft. Grund ist die schwache Windhöffigkeit des Standorts. Mit anderen Worten: Der Standort wird kaum Ertrag liefern. Man möchte ihn trotzdem bebauen – weil die Subventionsarchitektur des EEG auch unrentable Standorte durch garantierte Vergütungen für den Betreiber wirtschaftlich macht. Allerdings nicht unbedingt für die Region: Denn wenn der Ertrag nicht da ist, wird auch der versprochene vergünstigte Strom nicht geliefert werden. Den zuständigen Gemeinderäten suggeriert man aber genau das – und diese wollen den fantastischen Zahlen Glauben schenken.
Siershahn: Nur Nachteile, keinen Einfluss
Besonders bitter ist die Lage für Siershahn: Die Anlagen stehen nicht auf der eigenen Gemarkung, die Gemeinde erhält damit keine Pachteinnahmen. Sie trägt aber alle negativen Auswirkungen: Lärm, Infraschall, Schattenwurf, optische Bedrängung, Trinkwasserrisiken, Immobilienwertminderung. Ohne Mitspracherecht, ohne Kompensation.
Formal ist die Beteiligung der übrigen betroffenen Ortsgemeinden der Verbandsgemeinde nach § 67 Abs. 2 GemO zwar vorgeschrieben, doch die Entscheidungslogik ist klar: Wenn mehr als die Hälfte der Ortsgemeinderäte zustimmt – vor allem jene, die Pacht erhalten -, gilt die Zustimmung als erteilt. Siershahns Einwände sind strukturell dadurch chancenlos.
Fazit
Der Windpark „Drei Eichen“ ist symptomatisch für ein System, dass zum Vorteil weniger und Nachteil viel auf reiner Profitgier basiert: Würden die Steuergelder direkt und effizient für kommunale Aufgaben eingesetzt, müßte man nicht seinen eigenen Lebensraum zerstören. Stattdessen finanzieren dieselben Steuerzahler, die über hohe Strompreise und EEG-Abgaben belastet werden, Millionengewinne für private Betreiber – und erhalten dafür zerstörten Wald, beeinträchtigtes Trinkwasser und entwertete Häuser. Und die Gemeinderäte reden sich das schön.
Die Meinung der betroffenen Bevölkerung? Offenbar kein Hindernis – interessiert den sie vertretenden Gemeinderat nicht. Man handelt so, weil es rechtlich geht. Und weil man das Geld zu brauchen glaubt – ohne zu fragen, woher es eigentlich kommt und wer es bezahlt.
Quellen: Gemeindeblatt VG Selters Nr. 17/2026; Einwohner-Fragestunde C. Schäfer, Siershahn, 27.04.2026; EEG-Bundeshaushalt / Klima- und Transformationsfonds 2024; RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (2019); Zeitschrift für Immobilienökonomie (2023).