Rheinuferfiltrat oder Quellwasser – die Zukunft unseres Trinkwassers?

Im April 2024 wurde im Rahmen einer Zweckvereinbarung der Bau einer interkommunalen Wassertransportleitung bzw. der Wasserliefervertrag der Vereinigten Wasserwerke Mittelrhein (VWM) mit mehreren Westerwälder Verbandsgemeinden unterzeichnet. Die Bürgerinitiative hatte seinerzeit gefragt, wer die Gewinner und Verlierer des Projektes seien.

Es gibt scheinbar mehrere Aspekte, warum der Bau der Wasserleitung für die VWM, eine 100%-ige Tochter der Energieversorgung Mittelrhein (EVM), äußerst interessant ist. Das Märchen, dass man den Westerwälder Gemeinden Wasser liefern muß, da ihnen womöglich „durch den Klimawandel das Wasser ausgehen könnte“, gehört aber wohl eher nicht dazu. Stattdessen:

  1. Mit der Novellierung der Trinkwasserverordnung wird es für Uferfiltrat-Kunden am Rhein zunehmend schwieriger, bestimmte Grenzwerte u.a. bei PFAS einhalten zu können. Durch Beimischung des hochwertigen Quellwassers von der Montabaurer Höhe könnte das Wasser aufgewertet werden, um ab 2028 der Verordnung genügen zu können.
  2. Auch die EVM beabsichtigt im Westerwald den Ausbau von Windindustrieflächen, nämlich konkret in den VG Wirges und Selters im Gebiet „Drei Eichen“. Das Windindustriegebiet „Haiderbachhöhe“ entsteht bereits im Wasserschutzgebiet der VG Ransbach-Baumbach, an dem die Trinkwasserversorgung u.a. von Wittgert und der Haiderbach hängen.

Im Wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren zu Windkraftanlagen wird eine Genehmigung auch dann erteilt, wenn eine Gefährdung für die Trinkwassergewinnung besteht, sofern eine Alternative zur Trinkwassergewinnung besteht. Durch die „Interkommunale Wasserversorgung Südlicher Westerwald“, an die die VG Wirges angeschlossen ist, ist das Ersetzen der Trinkwasserversorgung durch Uferfiltrat-Wasser vom Rhein gegeben. Daher kann für das Projekt „Drei Eichen“ auch eine Genehmigung im Wasserschutzgebiet bei einer Gefährdung der bisherigen Trinkwassergewinnung erfolgen.

C. Schäfer, Siershahn

Nähere Betrachtung

Die deutsche Trinkwasserverordnung hat eine lange Geschichte und reguliert chemische, biologische und Indikatorparameter nach dem Vorsorgeprinzip. Die Novelle der TrinkwV vom Juni 2023 wurde von 25 auf 75 Paragraphen ausgeweitet und hat die Anforderungen deutlich erhöht – mit Schwermetall-Absenkungen und der erstmaligen Aufnahme von PFAS, Bisphenol A, Chlorat, Chlorit und Halogenessigsäuren.

  • Ab Januar 2026 darf eine PFAS-20-Summe von 0,1 µg/l nicht überschritten werden
  • Ab Januar 2028 gilt eine PFAS-4-Summe (PFHxS, PFOS, PFOA, PFNA) von 0,02 µg/l,
  • Bleirohre müssen ab 2026 stillgelegt sein.
  • Weitere neu hinzugekommene Grenzwerte:
    • Bisphenol A 2,5 µg/l
    • Chlorat 2,5 µg/l
    • Chlorit 0,2000 mg/l
    • Halogenessigsäuren (HAA-5) 60 µg/l
    • Microcystin-LR 1 µg/ l
    • Chrom (Grenzwert halbiert) 50 → 25 µg/l

Vergleich der Wasseranalyse Prüfberichte

Im folgenden werden die Wasseranalyse Prüfberichte von St. Sebastian und Höhr-Grenzhausen verglichen.

Zunächst ist klar zu stellen, dass alle drei Standorte die aktuell gültigen Grenzwerte einhalten. Dennoch zeigen sich deutliche Unterschiede:

Das Wasser aus St. Sebastian (Rheinuferfiltrat) weist die höchste Belastung bei PFAS auf: Ab Januar 2026 gelten 0,1 µg/l als Summengrenzwert für die PFAS-20-Gruppe, ab 2028 zusätzlich 0,02 µg/l für die PFAS-4-Gruppe (PFHxS, PFOS, PFOA, PFNA). Die Werte von St. Sebastian liegen bei 0,028 µg/l (PFAS-20) und 0,013 µg/l (PFAS-4) – beide noch unter den Grenzwerten, aber die PFAS-4-Summe wird in St.Sebastian ab 2028 eng – der aktuelle Spielraum liegt bei nur 0,007 µg/l. Auch der Nitratwert ist mit 15 mg/l deutlich höher als bei den Quellwässern (7 mg/l), was typisch für Rheinuferfiltrat ist. Die Bodenfiltration des Uferfiltrats hält PFAS übrigens kaum zurück.

Die aktuellen Messwerte stammen aus einer Einzelmessung vom 20. Januar 2026 und sind daher nur eine Momentaufnahme. PFAS-Konzentrationen im Uferfiltrat schwanken saisonal und mit dem Rheinpegel. Niedrigwasser konzentriert Schadstoffe, Hochwasser verdünnt.

Grenzhausen/Hilgert/Kammerforst und Höhr/Hillscheid (Quell-/Brunnenwasser) sind deutlich unauffälliger bei PFAS. Leicht erhöhte Trifluoressigsäure-Werte (TFA 1,2–1,6 µg/L) sind auch hier feststellbar. Mehr zu TFA weiter unten.

Schadstoffe im Rhein

Greenpeace-Messungen vom Januar 2025 zeigen, dass PFOS im Rhein den durchschnittlichen Jahresgrenzwert von 0,65 ng/l an allen untersuchten Stellen – hochgerechnet bis zum Sechsfachen – überschreitet. Im Vergleich mit anderen Flusseinzugsgebieten hat der Rhein die höchste Industriedichte der Erde – Weltkonzerne wie Bayer und BASF sitzen an seinen Ufern.

TFA-Einleitungen in den Neckar (IKSR-Fachbericht Nr. 258 „Trifluoracetat (TFA) in Gewässern, Trinkwasser und Abwasser“ von 2019) führten im rheinischen Abschnitt zu TFA-Konzentrationen von bis zu 2 µg/l im Rheinwasser und im aus Uferfiltrat gewonnenen Trinkwasser. Als Verursacher wurde ein Chemieunternehmen am Neckar identifiziert, das CF₃-Derivate für Arznei- und Pflanzenschutzmittel herstellt. Die Spitzenwerte unterhalb der Einleitungsstelle lagen bei über 80 µg/L, bei Heidelberg noch 70 µg/l, bei Mannheim noch 40 µg/l. Erst Ende 2018, nach prozesstechnischen Maßnahmen, sanken die Werte auf durchschnittlich 5 µg/l im Neckar.

Besorgniserregend ist auch, was nicht gemessen wird: Viele Mikroschadstoffe wie Hormone, Mikroplastik oder Arzneimittel-Rückstände werden nach wie vor nicht überwacht. Hinzu kommen über 10.000 PFAS-Einzelstoffe, von denen die meisten keine Grenzwerte haben.

Interaktive PFAS-4 Grenzwertanalyse für WW St. Sebastian: Berechnung ob der ab 2028 geltende Summengrenzwert von 0,02 µg/L eingehalten wird, basierend auf den Messwerten vom Januar 2026.

PFAS-4 – gemessene Einzelwerte (Jan. 2026) vs. Grenzwert 2028
PFOS
0,0060 µg/L
PFOA
0,0030 µg/L
PFHxS
0,0040 µg/L
PFNA
<0,0020 µg/L
Summe PFAS-4 (gemessen)0,0130 µg/L
0Grenzwert ab 2028: 0,020 µg/L
Aktuelle Situation: 0,0130 µg/L von 0,0200 µg/L Grenzwert
Der Grenzwert wird zu 65 % ausgeschöpft. Es verbleiben nur 0,0070 µg/L Puffer – bei einer PFAS-Belastung, die im Rhein nachweislich steigt.
Interaktives Szenario: Was passiert wenn Rheinbelastung steigt?

Verschiebe die Regler um zu sehen, bei welcher prozentualen Zunahme der PFAS-Konzentration im Rohwasser der Grenzwert 2028 überschritten wird.

+0 %
+0 %
+0 %
+0 %
Hochgerechnete PFAS-4-Summe
0,0130 µg/L
0Grenzwert 0,020 µg/L
Drei realistische Szenarien bis 2028
Optimistisch
~0,013 µg/L
Rheinbelastung stagniert. Aufbereitung stabil. Grenzwert eingehalten mit 35 % Puffer. Voraussetzung: keine neuen PFAS-Einleiter, strenge EU-Regulierung greift.
Realistisch
~0,018–0,021 µg/L
Rheinbelastung steigt moderat (+30–60 %). Grenzwert wird knapp eingehalten oder leicht überschritten. Messintervall-Variation kann Einzelmessungen über 0,02 µg/L zeigen.
Pessimistisch
> 0,020 µg/L
Rheinbelastung setzt bisherigen Trend fort (+50–100 %). Grenzwert überschritten. Wasserwerk müsste Aufbereitungstechnik nachrüsten (z.B. Aktivkohle, Nanofiltration).
Kritischer Treiber ist PFOS: Greenpeace-Messungen (Jan. 2025) zeigen PFOS im Rhein bis zum 6-fachen des Umweltgrenzwerts. PFOS allein macht mit 0,006 µg/L bereits 30 % des künftigen PFAS-4-Grenzwerts aus. Eine weitere Verdopplung des PFOS im Rohwasser würde ohne neue Aufbereitungsstufen zur Überschreitung führen – selbst wenn PFOA, PFHxS und PFNA konstant bleiben.

Wie gelangt TFA ins Grundwasser?

Das Besondere an TFA im Vergleich zu anderen Schadstoffen: TFA ist nahezu unzerstörbar — es kann weder durch natürliche Prozesse abgebaut, noch mit den derzeit verfügbaren Technologien aus dem Wasser entfernt werden. Aktive Kohle, die bei PFOS und PFOA noch eine gewisse Wirkung hat, versagt bei TFA weitgehend, da das Molekül zu klein ist um adsorbiert zu werden. TFA-Einträge in die Umwelt reichern sich unweigerlich anohne signifikante Verringerung der Einträge wird der Gehalt im Grundwasser kontinuierlich steigen.

Folgende Quellen sind möglich:

  • Der direkte Abbauweg aus Pestiziden. TFA ist ein extrem kleines Molekül, das sehr gut wasserlöslich ist. Dadurch kann es schnell und in hohen Mengen ins Grundwasser gelangen. Haupteintragsquelle sind chemisch-synthetische Pestizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden — durch Regen und Bewässerung gelangen diese Chemikalien ins Grundwasser.
  • Der atmosphärische Pfad. TFA ist das letzte Abbauprodukt vieler fluorierter Verbindungen — PFAS, Pestizide, Kühlmittel und Arzneimittel. Die Konzentrationen im Sommer sind am höchsten aufgrund der photochemischen Aktivität in der Atmosphäre. Kältemittel bspw. aus Klimaanlagen (HFOs wie R-1234yf) werden in der Atmosphäre zu TFA oxidiert und dann mit dem Regen flächendeckend ausgewaschen.
  • Industrielle Direkteinleitungen. Durch Abwassereinleitungen von Industrieanlagen, die bestimmte Fluorchemikalien herstellen oder verwenden, entstehen teils hohe Spitzenbelastungen in Fließgewässern, die die TFA-Fracht flussabwärts erhöhen.

Der Westerwald ist geprägt durch Wald, Grünland und kleinräumige Landwirtschaft. Die Intensivlandwirtschaft mit den größten TFA-Mengen (Flufenacet, Metolachlor) passiert vor allem im Flachland: Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Rhein-Main-Tiefland. Die 1,2–1,6 µg/L TFA in den Quellwässern um Höhr-Grenzhausen brauchen also eine andere Erklärung.

Der atmosphärische Eintragspfad über Kältemittel

Als Konsequenz der F-Gase-Verordnung kommen zunehmend kurzlebige fluorierte Stoffe wie die HFO-Kältemittel R1234yf und R1234ze(E) zum Einsatz. Diese bilden als Abbauprodukt Trifluoressigsäure (TFA). TFA ist hochmobil, gilt als wassergefährdend und gelangt bis ins Grund- und Trinkwasser. Derzeit ist keine Methode bekannt, mit der TFA mit verhältnismäßigen Mitteln aus dem Wasserkreislauf entfernt werden könnte.

Der Mechanismus ist ziemlich direkt: R1234yf entweicht aus Klimageräten in die Atmosphäre, wird dort innerhalb von etwa zwei Wochen photochemisch oxidiert, und bei einer atmosphärischen Lebensdauer von etwa zwei Wochen bildet R1234yf nahezu 100 Prozent der persistenten TFA. Das TFA-Bildungspotenzial von R134a beträgt hingegen nur sieben bis maximal 20 Prozent — die TFA-Eintragsmenge hat sich mit R1234yf gegenüber R134a damit mehr als verfünffacht. Was das quantitativ bedeutet, ist alarmierend: Im Jahr 2050 sind nach der Modellrechnung allein durch das Kältemittel R1234yf TFA-Einträge über Niederschläge von 2,5 kg/km² für Europa und bis zu 4 kg/km² jährlich für Deutschland zu erwarten — was einer Verzehnfachung der heutigen TFA-Einträge entspräche.

Wärmepumpen selbst spielen dabei eine indirekte, aber wachsende Rolle. R32 dominierte 2024 mit einem Marktanteil von über 50 % bei Neuinstallationen von Luft-Wasser-Wärmepumpen und Split-Klimaanlagen. R32 (Difluormethan) bildet bei atmosphärischem Zerfall zwar kein TFA — das ist ein wichtiger Unterschied. Das Problem liegt bei den neueren HFO-haltigen Gemischen: R454B etwa, das zunehmend als „Übergangslösung“ nach dem R32-Verbot 2027 diskutiert wird, enthält 31 % R1234yf und wäre damit ein direkter TFA-Vorläufer. Außerdem kommen R1234yf und R1234ze als Kältemittel in stationären Gewerbeanlagen und in praktisch jedem Pkw-Klimakompressor seit 2017 vor.

Das strukturelle Paradox

Was das TFA-Problem aus Kältemitteln so politisch heikel macht: Es ist gewissermaßen ein Kollateralschaden des Klimaschutzes selbst. R1234yf wurde eingeführt, um das angeblich hochklimaschädliche R134a zu ersetzen. Dass dabei ein persistentes Wasserrisiko entsteht, wurde lange ignoriert. Das UBA empfiehlt deshalb nun natürliche Kältemittel wie Kohlenwasserstoffe (R290/Propan) oder CO₂ (R744), die kein TFA bilden. Für die TFA-Belastung kommt das aber nicht sofort, denn die bereits in der Atmosphäre befindlichen und noch laufenden R1234yf-Systeme produzieren TFA noch über Jahrzehnte.