Eine neue PwC-Studie zur Zukunft der europäischen Stahlwirtschaft (2026) liefert schwarz auf weiß, was Kritiker der deutschen Klimapolitik seit Jahren befürchten: Eine der wichtigsten Grundstoffindustrien des Landes wird nicht durch Marktkräfte verdrängt, sondern durch politisch gesetzte CO₂-Preise aus dem Markt gepreist. Die Zahlen der Studie sind eindeutig:

- Die klassische Hochofenroute ist laut PwC ab spätestens 2040 in keinem Szenario und keiner Region der Welt mehr wirtschaftlich – eine direkte Folge der steigenden CO₂-Bepreisung durch EU-Emissionshandel und CBAM. PwC nennt das ausdrücklich keine Prognose, sondern die Konsequenz bereits beschlossener Regulatorik – also politisch gemacht, nicht dem Markt geschuldet.
- Rund die Hälfte aller angekündigten europäischen Green-Steel-Projekte ist bereits verschoben, gestoppt oder reduziert worden.
- Die Golfstaaten produzieren CO₂-arme Direktreduktion schon 2030 rund 30 Prozent günstiger als die Hochofenroute in Mitteleuropa; grüner Stahl aus Indien unterbietet europäischen Stahl um 15 Prozent.
- Für die energieintensive Primärstahlproduktion sieht PwC in keinem der drei untersuchten Szenarien einen wettbewerbsfähigen Weg für Mitteleuropa – nur Skandinavien schneidet unter optimistischen Annahmen besser ab.
Quelle: Ad Hoc News
Milliarden auf wackligem Fundament
Besonders brisant wird es beim Blick auf die Förderpolitik. Bund und Länder haben für die Umstellung der Stahlindustrie auf wasserstoffbasierte Produktion bislang rund 5,9 Milliarden Euro zugesagt – darunter 2 Milliarden Euro für Thyssenkrupp, 2,6 Milliarden Euro für die Stahl-Holding-Saar und 1,322 Milliarden Euro für Salzgitter (zuletzt erst um 322 Millionen Euro aufgestockt). Diese Förderzusagen basieren auf der politischen Grundannahme, dass grüner Primärstahl „made in Germany“ langfristig konkurrenzfähig werden kann.
Genau diese Annahme stellt die PwC-Studie infrage. Erste Risse zeigen sich bereits in der Praxis: ArcelorMittal hat seine Ausbaupläne gestoppt, wodurch Förderzusagen von über 1,3 Milliarden Euro ins Leere laufen. Thyssenkrupp hat eine Ausschreibung zur Wasserstoffbelieferung ausgesetzt. Wer für einen zweistelligen Milliardenbetrag an Steuergeld eine Zukunftstechnologie subventioniert, deren wirtschaftliche Basis von den eigenen Beratern der Bundesregierung offen angezweifelt wird, muss sich die Frage gefallen lassen, ob hier politischer Wunschglaube teurer erkauft wurde als nötig.

Stahl ist keine beliebige Handelsware
Was in der Debatte oft untergeht: Stahl ist kein x-beliebiges Industrieprodukt, das man mal eben ins Ausland verlagert wie die Textilproduktion. Stahl ist der Grundwerkstoff, aus dem buchstäblich das Rückgrat moderner Zivilisation besteht: Betonstahl-Bewehrung in jeder Brücke, jedem Fundament, jedem Hochhaus; Baustahl in Kränen, Industrieanlagen und Schienen; Spezialstahl in Druckbehältern, Pipelines, Fahrzeugen und Rüstungsgütern. Bei all diesen Anwendungen hängt die Sicherheit von Menschen unmittelbar von der Materialqualität ab – von der exakten Legierungszusammensetzung über die Zugfestigkeit bis zur Ermüdungsbeständigkeit.
Genau das ist der Punkt, an dem „irgendein Stahl von irgendwoher“ zum Risiko wird. Wer die eigene Primärproduktion aufgibt und Grundstoffe künftig aus Lieferketten bezieht, auf die man selbst keinen direkten Zugriff mehr hat, verliert nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die Kontrolle über Zertifizierung, Rückverfolgbarkeit und Qualitätssicherung an der Quelle. Die aktuelle Debatte über marode Autobahnbrücken in Deutschland – Bewehrungskorrosion, Spannungsrisskorrosion an Spannstählen aus den 1960er/70er Jahren – zeigt eindrücklich, wie fatal es sich auswirkt, wenn an Stahlqualität und Instandhaltung über Jahrzehnte gespart wird. Eine Industriepolitik, die ausgerechnet bei diesem sicherheitskritischen Grundwerkstoff auf Importe aus Regionen mit anderen Standards setzt, statt die heimische Qualitätsproduktion zu erhalten, handelt fahrlässig – nicht vorausschauend.
Wem nützt die Deindustrialisierung?
Die PwC-Studie selbst formuliert vorsichtig von „Strukturwandel“ und „Verlagerung“, nicht von Deindustrialisierung. Doch wenn eine energieintensive Schlüsselindustrie systematisch unwirtschaftlich gerechnet wird, während die Produktion eins zu eins nach Indien, in die Golfstaaten oder nach China wandert, ist das in der Sache nichts anderes: die geplante Abwicklung eines industriellen Kernbereichs, mit politischem Segen und aus Steuergeldern finanziert. PwC selbst schreibt, dass die CO₂-Bepreisung die Hochofenroute überall unwirtschaftlich macht – „das ist keine Prognose, sondern Konsequenz bereits beschlossener Regulatorik.“ Mit anderen Worten: Der Ausstieg aus der deutschen Primärstahlproduktion ist keine Naturgewalt, sondern das direkte Ergebnis politischer Entscheidungen in Brüssel und Berlin.
Profiteure dieser Entwicklung sind jedenfalls nicht die deutschen Standorte, die Beschäftigten in Duisburg, Salzgitter oder Saarland, und auch nicht der deutsche Steuerzahler, der die gescheiterten Förderprogramme finanziert. Profiteure sind die Staaten, die genau die Kapazitäten aufbauen, die Europa gerade abbaut – mit europäischem Kapital und europäischem Know-how obendrein, da deutsche Konzerne wie Thyssenkrupp bereits über Kapazitäten und Lieferverträge in Duqm/Oman verhandeln, statt zuhause zu investieren. Am Ende bleibt Deutschland mit Milliardenschulden für gescheiterte Wasserstoff-Förderprogramme, verlorenem Industrie-Know-how und einer neuen Importabhängigkeit bei einem Werkstoff zurück, der für die eigene Infrastruktur, Verteidigungsfähigkeit und Bauwirtschaft unverzichtbar ist. Wessen Interesse das dient – dem deutschen Standort erkennbar nicht!
Die Förderprogramme wurden also auf der Annahme aufgesetzt, grüner Stahl „made in Germany“ werde wettbewerbsfähig. Genau diese Annahme erklärt PwC nun für hinfällig – nachdem die Milliarden bereits zugesagt und teils ausgezahlt sind.