Das Ende Versorgungssicherheit

Eine Ära geht zu Ende – die der sicheren und bezahlbaren Energieversorgung. Im Frühjahr 2025 wurde das Kohlekraftwerk Stuttgart-Münster abgeschaltet. Die letzten Kohleschiffe fuhren Ende 2024 den Neckar hinauf. Was jahrzehntelang verlässlich Strom und Wärme für die Region lieferte, wird nun durch Gaskraftwerke ersetzt. Politik und Energieversorger preisen dies als Fortschritt an, garniert mit dem Versprechen künftiger Wasserstoff-Nutzung. Doch die Realität zeigt: Deutschland tauscht Versorgungssicherheit gegen geopolitische Abhängigkeit – und die Rechnung zahlen am Ende die Bürger.

Das Heizkraftwerk Altbach-Deizisau steht exemplarisch für diese Entwicklung. Seit 1899 produziert der Standort Energie – zuverlässig, wirtschaftlich und mit modernen Filteranlagen ausgestattet, die kaum noch Schadstoffe ausstoßen. Das 1997 in Betrieb genommene Heizkraftwerk 2 gilt als einer der modernsten Steinkohlblöcke Europas. Dennoch wird es umgebaut – zu einem Gaskraftwerk. Der entscheidende Unterschied: Ein Kohlekraftwerk hatte Substanz. Der Brennstoff lag vor der Tür, gespeichert für Wochen, manchmal Monate. Selbst wenn Märkte verrückt spielten oder Preise explodierten – der Kessel lief weiter. Diese Energievorräte verschwinden jetzt. Gas ist eine „Just-in-Time-Energie“. Es kann nicht in relevanten Mengen am Kraftwerk gelagert werden. Stoppt der Gasstrom oder wird teuer, wirkt sich das sofort auf Strompreise und Wärmeversorgung aus.

Die neue Gasabhängigkeit: Fragile Versorgung statt stabiler Reserve

Deutschland importierte 2025 rund 1.000 Terawattstunden Gas – aus vielen Richtungen, aber keine davon wirklich stabil oder günstig. Die wichtigsten Quellen: Norwegen (44%), die Niederlande (24%) und Belgien (21%). Von den deutschen LNG-Terminals kommen lediglich 10%, davon stammen 96% aus den USA. Gleichzeitig exportiert Deutschland rund 220 Terawattstunden weiter in die Nachbarländer. Deutschland ist längst eine Durchleitstation im europäischen Gasnetz geworden. Das Problem: Gas fließt nicht nach Nationalitäten, sondern nach Druck, Nachfrage und Preis. Steigt die Nachfrage in einem Nachbarland, steigen auch hier die Preise. Die nationale Steuerbarkeit sinkt dramatisch. Die deutschen Gasspeicher gelten als Sicherheitsanker – sind es aber nur eingeschränkt. Sie gehören nicht dem Staat, sondern unterschiedlichen Marktakteuren und werden nach ökonomischen Regeln bewirtschaftet. Gas wird eingespeichert, wenn es günstig ist, und ausgespeichert, wenn der Preis steigt. Derzeit sind die Speicherstände auf unter 25% gefallen. Die Bundesnetzagentur erklärt zwar, es gäbe keine Mangellage. Technisch mag das korrekt sein – die Pipelines liefern, LNG wird angelandet. Ökonomisch jedoch steigt die Spannung: Je leerer die Speicher, desto stärker muss jede zusätzliche Nachfrage unmittelbar am Markt gedeckt werden, zum jeweils aktuellen Preis. Hinzu kommt, dass die Entnahmerate mit sinkenden Druck ebenfalls signifikant abnimmt. Anforderungsspitzen kann so nur schwer begegnet werden.

Russisches Gas durch die Hintertür

Offiziell bezieht Deutschland kein russisches Gas mehr. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Länder wie Belgien und Frankreich importieren weiterhin große Mengen russischen Flüssiggases, vor allem aus dem sibirischen Projekt Yamal LNG. Dieses Gas wird in Häfen wie Zeebrügge angelandet, regasifiziert und ins europäische Netz eingespeist. Da rund ein Fünftel des deutschen Gasbedarfs über Belgien gedeckt wird, fließen physikalisch auch russische Moleküle nach Deutschland. Rechtlich ist das zulässig. Politisch wird es ignoriert. Wirtschaftlich ist es bequem. Im europäischen Binnenmarkt gilt dies dann als „neutrales EU-Gas“ – eine Art Gaswäsche. Die neue Gasabhängigkeit trifft Baden-Württemberg besonders hart. Das Land verfügt über keine eigenen Gasvorkommen und kaum eigene Speicher, nutzt aber Gas zunehmend für die Industrie. Die chemische Industrie benötigt allein über 100 Terawattstunden pro Jahr – 37% des gesamten industriellen Gasverbrauchs in Deutschland. Sie braucht Gas nicht nur als Energiequelle, sondern vor allem als Rohstoff für die Produktion von Chemikalien wie Ammoniak, Methanol oder Kunststoffen. Und jetzt kommen immer mehr Gaskraftwerke als Konkurrenten dazu, die ebenfalls kontinuierliche hohe Durchflussmengen benötigen. Die neuen Anlagen könnten bis zu 20% des Erdgases in Baden-Württemberg verbrauchen. Ein Abschalten bei Gasknappheit ist unmöglich – die Kraftwerke liefern gleichzeitig Fernwärme für Wohnungen.

Der CO₂-Preis: Politischer Vorschlaghammer statt Marktwirtschaft

Parallel verteuert der Staat Gas systematisch über die CO₂-Abgabe. Der Preis stieg von 45 Euro pro Tonne im Jahr 2024 auf 60 Euro in diesem Jahr. Ab 2027 fällt die Deckelung weg – Schätzungen gehen von 100 Euro und mehr aus. Für einen Durchschnittshaushalt mit 20.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch bedeutet dies allein durch die CO₂-Abgabe Zusatzkosten von 460 bis 700 Euro pro Jahr. Fernwärme übernimmt diese Belastung eins zu eins, da sie am Gaspreis hängt. Die Industrie nimmt die Beine in die Hand und wandert dorthin ab, wo Energie preiswert ist. Die Energieversorger werben damit, die neuen Anlagen seien „H2-ready“. Ab Mitte der 2030er Jahre könne man auf Wasserstoff umstellen. Das soll nach Zukunft klingen – ist aber ein Traumgespinst. Es gibt keine ausreichende Wasserstoffproduktion, die Gaskraftwerke befeuern könnte. In der Industrie wird Wasserstoff hergestellt – aus Erdgas. Das ist die günstigste und effektivste Form. Diesen Wasserstoff dann wieder in Kraftwerken zu verfeuern, würde dem Irrsinn Energiewende die Spitze aufsetzen.

Die ignorierte Lösung: Deutsches Erdgas

Deutschland ist im Grunde genommen kein gasarmes Land. Es verfügt selbst über erhebliche Erdgasvorkommen, vor allem unter Norddeutschland. Nach Angaben staatlicher geologischer Dienste liegen in Deutschland mehrere hundert Milliarden Kubikmeter technisch förderbares Erdgas, vor allem in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Teilen Nordrhein-Westfalens. Hinzu kommen deutlich größere unkonventionelle Ressourcen in Schiefer- und dichten Sandsteinschichten. Rechnerisch könnten die heimischen Vorkommen über viele Jahrzehnte einen relevanten Anteil decken. Dennoch fördert Deutschland heute weniger als 5% seines Bedarfs selbst. Der Rückgang ist politisch, nicht geologisch begründet. Das Schreckwort lautet: Fracking. Die Förderung aus unkonventionellen Lagerstätten ist in Deutschland faktisch untersagt – nicht durch ein klares technisches Verbot, sondern durch ein politisches Moratorium. Selbst wenn man unkonventionelle Förderung vollständig ausschließt, bleiben erhebliche konventionelle Reserven, die heute nicht genutzt werden. Die Absurdität: Deutschland lehnt heimische Förderung ab, importiert aber gleichzeitig große Mengen LNG aus den USA, das nahezu vollständig durch Fracking gewonnen wird. Auch Gas aus Qatar oder indirekt aus Russland unterliegt geringeren Umwelt- und Transparenzstandards als eine Förderung unter deutschem Recht. Deutsche Politik verzichtet auf eigene Förderung mit hohen Standards und kauft stattdessen Gas aus Ländern, in denen genau jene Methoden angewendet werden, die hier tabuisiert sind.

Die Rechnung: Kapitalvernichtung und steigende Risiken

Was in Stuttgart und Baden-Württemberg geschieht, ist keine technische Innovation, sondern massive Kapitalvernichtung. Aus millionenwerten modernen Anlagen wird Schrott. Diese Kraftwerke wurden mit hohem Aufwand und großen Kosten „sauber gemacht“ – die Rauchgase mit aufwendigen Filtern gereinigt, sodass kaum noch schädliche Stoffe aus den Schornsteinen kommen. Versorgungstechnisch bedeutet es den Verlust der Kohlehalde als Energiepuffer. Gas muss permanent fließen. Wenn die Pipeline leer ist, gibt es in Münster keine Reserve mehr im Keller. Es ist eine sogenannte Transformation, die nicht auf Marktwirtschaft basiert, sondern auf regulatorischem Zwang. Die Politik nutzt den CO₂-Preis als Hebel, um Brennstoffe wie Kohle aus dem Markt zu drängen – unabhängig davon, wie gut die Filter oder wie wertvoll die Anlagen sind.

Fazit: Ein milliardenteures Experiment auf Kosten der Bürger

Was gerade in Stuttgart und Baden-Württemberg geschieht, ist kein Fortschritt, sondern ein hohes und teures Risiko. Deutschland verschrottet hochmoderne, saubere Kohleanlagen und ersetzt sie durch Gaskraftwerke, deren Brennstoff politisch verteuert und geopolitisch unsicher ist.

Die neue Gasabhängigkeit macht Deutschland verwundbar:

  • Geopolitisch: Abhängig von globalen Märkten, politischen Krisen und indirekten russischen Lieferungen
  • Ökonomisch: Permanent steigende Preise durch CO₂-Abgaben und Marktvolatilität
  • Versorgungstechnisch: Keine Puffer mehr, keine Vorräte, keine Planungssicherheit

Während Energieversorger mit Begriffen wie „Dekarbonisierung“, „Fuel-Switch“ und „Wasserstoff-Ready“ werben, zahlen Haushalte, Industrie und Kommunen die Rechnung für ein Experiment, dessen Ausgang völlig offen ist. Die Industrie hat bereits reagiert und wandert ab. Die Bürger werden es spätestens bei der nächsten Nebenkostenabrechnung spüren. Und die Politik? Sie bleibt beim „schrillen Wortgeklingel“, während die Versorgungssicherheit von Jahrzehnten binnen weniger Jahre verspielt wird.

Quelle: https://agsi.gie.eu/