Wasserstoffanbindung für Höhr-Grenzhausen?

Frühestens 2032 – und im Boden liegt bislang kein einziger Meter.

Wer in den vergangenen Jahren in Höhr-Grenzhausen oder im südlichen Westerwald von einer nahenden Wasserstoffpipeline gehört hat, hörte durchaus von einer realen Planung – nur eben von einer, die noch sehr weit von der Baustelle entfernt ist. Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Was tatsächlich existiert: eine Linie auf der Karte

Der regionale Netzbetreiber Energienetze Mittelrhein (enm) verweist seit Jahren stolz darauf, dass gleich zwei Trassen des bundesweiten Wasserstoff-Kernnetzes durch sein Gebiet verlaufen sollen – eine durch die Eifel, eine durch den Westerwald. Mögliche Einspeisepunkte wurden genannt: Großmaischeid, Ransbach-Baumbach, Dernbach – alles nur wenige Kilometer von Höhr-Grenzhausen entfernt. Das klingt konkret. Ist es aber nicht.

Denn im selben Atemzug nennt enm auch das Zieljahr: Ende 2032. Das ist kein Datum für den Baubeginn, sondern für die geplante Inbetriebnahme. Bis dahin bleibt es bei Bedarfsabfragen bei Industriekunden, Informationsveranstaltungen und einer Onlinemaske, in die Unternehmen ihren „unverbindlichen“ Wasserstoffbedarf eintragen können.

Genehmigung 2024

Das deutsche Wasserstoff-Kernnetz wurde im Oktober 2024 von der Bundesnetzagentur genehmigt: 9.040 Kilometer, rund 19 Milliarden Euro Investitionsvolumen, größtenteils aus umgewidmeten Erdgasleitungen. Der tatsächliche Baufortschritt ist bisher überschaubar und konzentriert sich fast vollständig auf andere Regionen: 2025 wurden bundesweit gut 500 Kilometer in Betrieb genommen, größtenteils die Umstellung der bestehenden Leitung von Lubmin an der Ostsee bis nach Sachsen-Anhalt. Für 2026 sind gerade einmal 142 weitere Kilometer geplant – davon nur 2 Kilometer echter Neubau.

Der Westerwald taucht in keiner dieser Baustatistiken auf. Und der neueste Netzentwicklungsplan-Entwurf vom März 2026 macht die Lage nicht besser: Er räumt den Betreibern explizit das Recht ein, die Inbetriebnahme einzelner Kernnetz-Abschnitte bis 2037 zu verschieben. Ein Fall aus der Kupferindustrie zeigt, wie belastbar solche Zusagen sind: Dem Konzern Aurubis war ein Kernnetz-Anschluss fest für 2026 versprochen worden – auch das ist inzwischen offen. Die Realität: Aurubis hat rund 40 Millionen Euro in wasserstofffähige Anodenöfen im Hamburger Werk investiert, der Anschluss ist nicht da, und selbst wenn er käme: eine BDEW-Studie vom Februar 2026 veranschlagt den Preis für grünen Wasserstoff derzeit auf günstigstenfalls 7,50 Euro pro Kilogrammmehr als doppelt so viel wie von der Politik versprochen. Erinnert ein bißchen an die Trittin’sche Kugel Eis…

Und sonst? Konzeptpapiere statt Bagger

Wer hofft, dass sich seit den Ankündigungen von 2024/2025 etwas bewegt hat, wird enttäuscht. Die letzte halbwegs konkrete regionale Wortmeldung stammt von einer enm-Infoveranstaltung im März 2025. Noch im Juni 2026 diskutierte man in einer Kreistagssitzung in Altenkirchen lediglich darüber, ob sich ein möglicher Wasserstoff-Knotenpunkt in Wissen überhaupt lohnt – Fazit: eher nicht, ein zentraler Standort sei „schwierig“, man brauche stattdessen einen „dezentralen Hub“. Das ist der Diskussionsstand anderthalb Jahre nach der ersten Ankündigung: Konzeptpapiere, Bedarfsanalysen, Workshops. Keine Trasse, kein Bagger, kein Baubeginn.

Das passt ins bundesweite Bild. Die Nationale Wasserstoffstrategie ist mit Milliarden an Fördermitteln gestartet, doch etliche Großprojekte wurden inzwischen beerdigt: ArcelorMittal kassierte seine geplante Wasserstoff-Umstellung trotz 1,3 Milliarden Euro Förderzusage, Statkraft und EnviaM legten ihre Wasserstoffprojekte komplett auf Eis, und bundesweit wurden bis Ende 2025 bereits 36 öffentliche Wasserstofftankstellen wieder abgebaut. Im Bundeshaushalt 2026 wurde die mittelfristige Förderung zur Dekarbonisierung der Industrie zudem von 24,5 auf unter 7 Milliarden Euro zusammengestrichen.

Fazit

Zwischen einer Linie im Netzentwicklungsplan und einer betriebsbereiten Leitung liegen in diesem Fall mindestens sechs Jahre, ein wackliger Förderrahmen und ein bundesweiter Trend, der eher in Richtung Verschiebung als Beschleunigung zeigt. Wer heute in Höhr-Grenzhausen auf einen baldigen Wasserstoffanschluss wartet, wartet auf ein Datum, das schon jetzt zum wiederholten Mal nach hinten gerutscht ist – und das im schlechtesten Fall, wie bei etlichen anderen deutschen Wasserstoffprojekten der letzten zwei Jahre, am Ende komplett gestrichen wird.

Wird wohl eher nix.

Fukushima: Reaktor 3 nach der Wasserstoffexplosion

Die Explosionen

  • Block 1: Explosion am 12. März 2011, einen Tag nach dem Erdbeben. Das Dach und die oberen Wände des Reaktorgebäudes wurden zerstört.
  • Block 3: Explosion am 14. März 2011, deutlich heftiger als bei Block 1 – hier flog Trümmermaterial mehrere hundert Meter weit.
  • Block 2: Eine Explosion oder ein ähnliches Ereignis am 15. März, vermutlich im Bereich der Kondensationskammer (Torus), die Schäden waren weniger sichtbar von außen.
  • Block 4: Ebenfalls am 15. März kam es zu einer Wasserstoffexplosion, obwohl der Reaktor zum Zeitpunkt des Erdbebens abgeschaltet und ohne Brennstoff war. Der Wasserstoff stammte hier vermutlich aus Block 3 und gelangte über gemeinsame Abluftleitungen ins Gebäude von Block 4.

Atomkraft nein danke – Wasserstoff ja bitte?

Quelle: https://www.enecho.meti.go.jp/about/special/johoteikyo/fukushima2021_02.html, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Appearance_of_Fukushima_I_Nuclear_Power_Plant_Unit_3_after_the_explosion_20110315.jpg)