Die EVM wirbt für den Bau von Windindustrieanlagen bei Wirges und Selters

Der Artikel ist als „Anzeige“ gekennzeichnet – das steht klein oben links. Es handelt sich also um bezahlte Werbung der evm, nicht um redaktionellen Journalismus. Alle Zahlen stammen vom Projektierer selbst, wurden nicht unabhängig geprüft, und sind naturgemäß im günstigsten Licht dargestellt.

Machen wir den Faktencheck:

  • „Die Flächen eignen sich hervorragend für die Nutzung von Windenergie“:

Mit dem Optimismus-Bias des GlobalWind Atlas gilt für den Bereich Selters/Helferskirchen in 150 m Nabenhöhe grob ~5,5-6,5 m/s mittlere Jahreswindgeschwindigkeit. Das klingt zunächst akzeptabel, gilt aber für Kammlagen und exponierte Kuppen wie Großer Feldberg-Bereich, Hoher Westerwald Richtung Rennerod/Höhn. Die Region um Selters/Helferskirchen liegt hingegen auf etwa 300–400 m ü.NN. in einem windmäßig mittelmäßigen Bereich des unteren Westerwalds, nicht in der windbegünstigten Hochlage.

Konkret:

  • Bei 6,0 m/s → ca. 1.600–1.900 Volllaststunden realistisch
  • Bei 6,5 m/s → ca. 1.900–2.200 Volllaststunden
  • Die evm-Rechnung setzt ~2.400 Stunden an – das entspräche eher 7,0+ m/s, also einer deutlich besseren Windlage als der Standort wahrscheinlich bietet

Die Region um Selters/Helferskirchen ist für Windenergie nutzbar, aber nicht hervorragend. Sie liegt im unterdurchschnittlichen bis mittleren Bereich für Binnenlandstandorte.

  • „Wir gehören den Menschen dieser Region“

Es kommt wohl darauf an, wie man „Region“ definiert… Mit >57% wird die EVM durch die Stadt Koblenz und deren 100% Tochter Stadtwerke Koblenz GmbH dominiert. Über die Thüga AG hat das Konsortium Integra (Stadtwerke Frankfurt, Nürnberg und Hannover) mit >61% Mitspracherecht und über die KOM9 sind nochmal 40 Gesellschafter aus ganz Deutschland involviert.

AnteilseignerAnteil
Stadtwerke Koblenz GmbH (SWK)44,2 %
Thüga AG32,7 %
Stadt Koblenz13,3 %
Energiebeteiligungsgesellschaft Mittelrhein mbH (EBM)6,4 %
Stadtwerke Mayen GmbH1,3 %
Stadtwerke Andernach GmbH1,2 %
Westerwaldkreis0,6 %
WFG (Wirtschaftsförderungsgesellschaft Mittelrhein)0,3 %

Diese drei Gruppen bilden zusammen 100 % der Thüga Holding:

AnteilseignerAnteilSitz
Mainova AG20,53 %Frankfurt am Main
N-ERGIE AG20,53 %Nürnberg
enercity AG (ehem. Stadtwerke Hannover)20,53 %Hannover
KOM9 GmbH & Co. KG38,41 %Freiburg i.Br.

Die drei Großstadtwerke bilden gemeinsam das Konsortium „Integra“ (zusammen 61,59 %).

Die KOM9 ist ein Verbund von Stadtwerken und regionalen Energieversorgern aus ganz Deutschland, von Villingen-Schwenningen bis Fulda, von Koblenz bis Chemnitz. Die KOM9 wurde 2009 gegründet und hat mehr als 40 Gesellschafter. Auszug aus den KOM9-Mitgliedern: Eins Energie in Sachsen GmbH & Co. KG, Energieversorgung Lohr-Karlstadt und Umgebung GmbH & Co. KG, Harz Energie GmbH & Co. KG, SWP Stadtwerke Pforzheim GmbH & Co. KG – sowie viele weitere regionale Stadtwerke, u.a. die Badenova (Freiburg), Stadtwerke Meerane, Halberstadtwerke und die evm (Energieversorgung Mittelrhein) selbst.

  • „Für mehr Versorgungssicherheit, für den Klimaschutz und für eine starke regionale Wertschöpfung“:

Zur Versorgungssicherheit: Wind ist als Grundlage der Energieerzeugung nicht planbar, daher ist der Leistungsbeitrag nicht gesichert: Nur 5-10% (0,35 – 0,70 MW) der installierten Nennleistung gelten als gesichert. Eine 7-MW-Anlage liefert also gesichert etwa so viel wie ein mittelgroßes Notstromaggregat. Zum Vergleich: Ein modernes Gaskraftwerk (700 MW) bietet ca 665-686 MW gesicherte Leistung.

Zur starken regionalen Wertschöpfung: Die 0,2 ct/kWh-Pflichtabgabe an Standortgemeinden (seit 2021) entspricht bei einer 7-MW-Anlage mit ~2.000 Volllaststunden etwa 2.800 €/Jahr. Ansonsten zahlt der Stromkunde über den steigenden Strompreis (= quasi Zwangsabgabe/Steuerhöhung), nur ~5-15% fließen zurück in die Region.

Ein besonderes Risiko sind die Rückbaukosten, die i.d.R. durch die Bankbürgschaften nur vollkommen unzureichend (ca 10%) abgedeckt sind.

Noch etwas zum Rückbau: Ein Schotterpfad durch den Wald für einen 500-Tonnen-Kran, eine 60×80-Meter-Baugrube, Kabelgräben über Kilometer – das heilt nicht in einem Menschenleben nach. Das Forstrecht spricht von „Wiederaufforstung“, aber ein gewachsenes Waldbodenökosystem mit Mykorrhiza-Netzwerk, Humusschicht und Artenstruktur lässt sich nicht „wiederherstellen“ – das ist Augenwischerei. Die GmbH-Struktur ist dabei kein Zufall. Windparks werden fast ausnahmslos als eigenständige Projektgesellschaften (GmbH oder GmbH & Co. KG) errichtet – rechtlich völlig getrennt vom eigentlichen Investor oder Konzern dahinter. Wenn diese GmbH nach 20–25 Jahren ausgedient hat, kann sie kostenneutral liquidiert werden. Der Konzern dahinter trägt keine Haftung. Das ist legales, aber gezielt eingesetztes Haftungsdesign.

  • „Die geplanten Windenergieanlagen könnten künftig rund 50% des Strombedarfs im Westerwaldkreis bilanziell decken“:

Das Zauberwort heißt „bilanziell“. Der Westerwaldkreis hat aktuell rund 210.000 Einwohner (Stand 2023/2024).

  • Strombedarf Westerwaldkreis: 210.000 Einwohner × 1.600 kWh/Person/Jahr = 336 GWh/Jahr
  • Erzeugung der 7 Anlagen: 49 MW installiert × 2.000 Volllaststunden = 98 GWh/Jahr (pessimistisch 1800 Volllaststunden, optimistisch 2100h)
  • 7 Anlagen à 7 MW decken also etwa 29 % des Haushalts-Strombedarfs des Westerwaldkreises – bilanziell, nicht gesichert. Bei 0 Wind sind es exakt 0%.
  • „Jährlicher Ertrag: ca 120 Millionen kWh – Strom für rund 100 000 Menschen“:

120 Millionen kWh ÷ 100.000 Menschen = 1.200 kWh pro Person/Jahr. Der deutsche Pro-Kopf-Stromverbrauch liegt bei etwa 1.600 kWh Strom im Haushalt. Rechnet man nur den Haushaltsstrom, wären es eher 75.000 Menschen. Ausschließlich Haushalte ohne Gewerbe und Industrie, mit weiterer Elektrifizierung (Wärmepumpe, E-Auto etc.) steigt der Bedarf potenziell. 7 Anlagen × 7 MW × 8.760 h/Jahr = 427 GWh bei Volllast rund um die Uhr. Das wäre der theoretische Maximalwert. 120 Mio. kWh = 120 GWh entspricht also einem impliziten Auslastungsfaktor von etwa 2.450 Volllaststunden. Der Wert von 2.400 Volllaststunden, den die evm ansetzt, liegt am oberen Ende dessen, was für Binnenland-Mittelgebirgsstandorte realistisch ist. Ein ehrlicher Mittelwert für diesen Standort läge wohl eher bei 80–100 GWh/Jahr – also 17–33% weniger als die evm berechnet. Damit wäre auch die Aussage „Strom für 100.000 Menschen“ noch weiter von der Realität entfernt.

Quelle: Lokalanzeiger Westerwald