
BP und TotalEnergies haben, laut einer NDR/Tagesschau-Recherche, einen sogenannten „Re-Order“-Plan vorgelegt, der die deutschen Ausbauausschreibungen so weit verzögern würde, dass das gesetzliche 70-GW-Ziel — derzeit für 2041/2045 vorgesehen — erst 2057 erreicht würde, also 16 Jahre später. Die beiden Konzerne hatten 2023 und 2024 in einem neuartigen Mehrrundenverfahren Rechte an insgesamt sieben Gigawatt Offshore-Windkraft in drei Nordsee-Zonen und einer Ostsee-Zone gewonnen — und dafür zusammen 12,6 Milliarden Euro geboten.
Das offizielle Argument: Windschatten-Effekte. Die Studie, die BP/JERA Nex und TotalEnergies beim Fraunhofer IWES in Auftrag gaben, zeigt, dass ein verlangsamter, weniger dichter Ausbau den Eigenanlagen der Konzerne 2-10 % höhere Erträge bringen würde — auf Kosten eines deutlichen Rückgangs der Gesamtproduktion in der deutschen Nordsee. Der Fraunhofer-Mitarbeiter Bernhard Stoevesandt fasste es ehrlich zusammen: Es sei eine Abwägung zwischen Unternehmensrendite und gesellschaftlichem Nutzen.
Die BSH-Abteilungsleiterin Lea Haefke nannte das Vorgehen „überraschend“, da es dem rechtlichen Fundament widerspreche — obwohl sie die wirtschaftlichen Kalkulationen als „plausibel“ anerkannte. Entscheidend: Die Windschatten-Effekte waren beim Bieten 2023/2024 bereits bekannt.
Der eigentliche Hintergrund: Die Bids waren schlicht zu teuer.
Wie Bloomberg im Oktober 2025 berichtete, hatte TotalEnergies 2023 für 3 GW Kapazität 5,8 Milliarden Euro geboten — Preise, die das Unternehmen nun selbst als Höchststand des Marktes bezeichnet. Seitdem hat das Unternehmen andernorts günstigere Konzessionen erworben und intern vor Verlusten gewarnt, die durch Netzanschluss-Verzögerungen und geringere Windleistung als erwartet entstehen. Deutschland hat TotalEnergies‘ Antrag auf bessere finanzielle Konditionen für die Offshore-Projekte abgelehnt — eine Entscheidung, die auf die Gewinne des Konzerns drücken könnte. Angesichts der von deutschen Übertragungsnetzbetreibern angekündigten Verzögerungen bei Netzanschlüssen hat TotalEnergies eine strategische Überprüfung seiner seit 2023 erworbenen Offshore-Konzessionen eingeleitet.
Quelle: Tagesschau.
Weitere Quellen: Brussels Signal, Windpower Monthly, Straight Arrow News, OPB, American Journal of Transportation, Greenrecruitmentcompany, Bwo-offshorewind
Der größere Kontext: BP kehrt zu Öl & Gas zurück
BP hat seine Wind-Strategie in den letzten zwei Jahren grundlegend umgebaut — und dabei wenig Umschweife gemacht: Im Februar 2025 bestätigte BP auf seinem Capital Markets Day, dass das Unternehmen seine Erneuerbare-Energien-Pläne kürzt und stattdessen Öl- und Gasproduktion ausweitet. Der CEO bezeichnete die frühere Wende als zu ambitioniert: „Unser Optimismus für eine schnelle Transformation war fehl am Platz — wir sind zu weit gegangen, zu schnell.“
Bereits zuvor hatte BP alle neuen Offshore-Wind-Entwicklungen eingefroren und einen Einstellungsstopp in der Offshore-Wind-Abteilung verhängt. Dem war eine Abwertung des Offshore-Wind-Portfolios um 1,1 Milliarden Dollar vorausgegangen. Im Dezember 2024 schloss BP mit dem japanischen Konzern JERA ein gemeinsames Joint Venture für Offshore-Wind: JERA Nex bp — damit lagert BP sein Offshore-Windgeschäft faktisch aus und reduziert sein eigenes Risiko.
TotalEnergies: Rückzug aus den USA, Druck in Deutschland
Parallel zum Druck auf Deutschland hat TotalEnergies seine US-Offshore-Wind-Strategie vollständig begraben: Im März 2026 einigte sich TotalEnergies mit der Trump-Administration auf eine Rückerstattung von rund 1 Milliarde Dollar für US-Offshore-Windlizenzen vor den Küsten von North Carolina und New York. Im Gegenzug verpflichtete sich der Konzern, keine neuen Offshore-Wind-Projekte in den USA zu entwickeln. Die 928 Millionen Dollar sollen stattdessen in 2026 in eine LNG-Anlage in Texas und in konventionelle Öl- und Gasförderung fließen — was TotalEnergies-CEO Patrick Pouyanné als „effizienteren Kapitaleinsatz“ bezeichnet hat.
Das systemische Problem: Gescheiterte Auktionen in Deutschland
Der Rückzugsdruck ist nicht nur firmenspezifisch. Eine 2,5-GW-Offshore-Windauktion in Deutschland scheiterte vollständig — kein einziges Gebot wurde abgegeben. Das verweist auf eine grundlegende Fehlausrichtung zwischen Auktionsdesign und Marktbedingungen.
Der Branchenverband BWO kommentierte, dass die aktuellen Auktionsergebnisse die wirtschaftliche Realität nicht mehr widerspiegeln: Die Risiken für Offshore-Projektierer seien durch geopolitische Spannungen und Lieferengpässe erheblich gestiegen.