Infoveranstaltung Windenergie in Wirges: Information oder Verkaufsshow?

Unter großem Andrang fand am Montagabend, dem 23. Februar 2026 im Bürgerhaus Wirges die Informationsveranstaltung zum geplanten Windpark im Gebiet „Drei Eichen“ zwischen den Ortsgemeinden Leuterod, Helferskirchen, Quirnbach und Vielbach statt. Doch wer eine ausgewogene Bürgerinformation erwartet hatte, wurde enttäuscht: Was sich als neutraler Infoabend präsentieren sollte, entpuppte sich in erster Linie als Verkaufsveranstaltung der Energieversorgung Mittelrhein AG (EVM).

Gleiche Redezeit, ungleiche Verhältnisse

Formal waren die Bedingungen ausgewogen: Sowohl die EVM als auch die Bürgerinitiative „Erhaltet unsere Natur und Wälder“ sowie die Naturschutzinitiative e.V. erhielten jeweils 15 Minuten Redezeit. In der Praxis verschoben sich die Gewichte jedoch deutlich zugunsten des Energieversorgers. Denn bei der anschließenden Fragerunde beanspruchten der Pressesprecher und die Projektkoordinatoren der EVM einen Großteil der Zeit für sich – mit weitschweifigen Antworten, die die eigentlichen Fragen häufig umschifften, statt sie klar zu beantworten. Teilweise wurde Fragestellern aus dem Publikum auch das Wort abgeschnitten. So entstand trotz gleicher Ausgangsbedingungen ein erhebliches Ungleichgewicht in der tatsächlichen Redezeit.

Die EVM nutzte ihren Auftritt, um die Vorzüge des geplanten Windindustriegebiets mit bis zu sieben Anlagen in einer Präsentation anzupreisen. Die Vorstellung glich dabei weniger einer sachlichen Informationsveranstaltung als einem Werbeauftritt für das Projekt. Renditeversprechen und vermeintliche Vorteile für die Gemeinden standen im Vordergrund – kritische Aspekte wie Gesundheitsrisiken, Naturzerstörung und der Wertverlust von Immobilien wurden allenfalls am Rande erwähnt und heruntergespielt.

Die Bürgerinitiative und die Naturschutzinitiative nutzten ihre jeweils knapp bemessenen 15 Minuten, um zentrale Bedenken hinsichtlich Gesundheitsgefahren durch Infraschall, Artenschutz und Landschaftszerstörung vorzutragen. Die Bürgerinitiative verteilte zudem Flyer mit weiterführenden Informationen und verwies innerhalb ihres Vortrags ausdrücklich auf die eigene Website, auf der sämtliche Quellen korrekt angeführt seien und umfassende Hintergrundinformationen bereitstünden.

Besonders frustrierend gestaltete sich die anschließende Fragerunde. Fragen aus dem Publikum wurden zwar aufgegriffen – allerdings ausschließlich von Vertretern der EVM und den anwesenden politischen Vertretern beantwortet. Was folgte, waren wortreiche Ausführungen, die jedoch am eigentlichen Kern der gestellten Fragen konsequent vorbeigingen. Konkrete Antworten? Fehlanzeige. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger kamen trotz Meldung gar nicht erst zu Wort und äußerten darüber ihren Unmut. Der Eindruck verfestigte sich: Man wollte den Schein eines Dialogs wahren, ohne sich auf eine echte Auseinandersetzung mit den Sorgen der Bevölkerung einzulassen.

Fakten unerwünscht

Sowohl die von der Bürgerinitiative als auch die von Fragestellern aus dem Publikum vorgebrachten Fakten wurden systematisch in Abrede gestellt. Der immer wiederkehrende Reflex von EVM-Vertretern: „Das ist nicht belegt.“ Sowohl der BI als auch einzelnen Bürgern wurde vorgeworfen, keine vernünftigen Quellen für ihre Aussagen zu nennen – ein Vorwurf, der angesichts der Tatsache, dass die BI auf ihrer Website sämtliche Quellen transparent und nachprüfbar aufführt, kaum haltbar erscheint.

Besonders bezeichnend war die Reaktion auf die Frage nach dem kürzlich ergangenen Urteil des Tribunal judiciaire in Straßburg vom 13. November 2025. Das französische Gericht hatte in bemerkenswerter Deutlichkeit einen direkten Zusammenhang zwischen dem Betrieb von Windkraftanlagen und schwerwiegenden gesundheitlichen Beschwerden einer Anwohnerin anerkannt und Schadensersatz zugesprochen – bereits das dritte Urteil dieser Art in Frankreich. Auf dieses wegweisende Urteil angesprochen, gab man sich bei der EVM schlicht unwissend. Man kenne dieses Urteil nicht. Ein Energiekonzern, der ein Windindustriegebiet bauen will, kennt die aktuelle internationale Rechtsprechung zum Thema Gesundheitsschäden durch Windkraftanlagen nicht? Man darf sich fragen, ob hier Unwissenheit vorgetäuscht wurde oder ob tatsächlich eine bemerkenswerte Ahnungslosigkeit vorliegt – beides wäre gleichermaßen beunruhigend.

Mehr als 2.400 Unterschriften – und es ist den Verantwortlichen egal

Die Bürgerinitiative hat mittlerweile eine Petition gestartet, die bereits über 2.400 Unterschriften von Bürgerinnen und Bürgern vereint – Tendenz steigend. Als diese beachtliche Zahl zur Sprache kam, war die Reaktion von Seiten der Politik und der EVM ernüchternd: In freundlichen, diplomatisch verpackten Worten wurde letztlich deutlich gemacht, dass man die Petition und die dahinterstehenden Sorgen der Bürger für weitgehend irrelevant hält. Über 2.400 Menschen unterschreiben gegen das Projekt – und die Verantwortlichen zucken die Schultern. So viel zum Thema Bürgerbeteiligung.

Ein besonders brisanter Aspekt, der an diesem Abend ebenfalls zur Sprache kam, betrifft das Sondernutzungsgebiet „Alte Viehweide“ bei Helferskirchen. Die geplanten Windenergieanlagen werden zu dieser Siedlung keinerlei Abstandsregeln einhalten. Der Grund: Bei der „Alten Viehweide“ handelt es sich formal um eine ehemalige Feriensiedlung – kein ausgewiesenes Wohngebiet. Dass dort jedoch seit Jahren Menschen dauerhaft leben, ihren Lebensmittelpunkt haben und ihr Zuhause, spielt in der Planung offenbar keine Rolle. Ihre Rechte als Anwohner werden schlicht nicht berücksichtigt, weil ein Verwaltungsbegriff es so hergibt. Man fragt sich: Sind die Bewohner der „Alten Viehweide“ in den Augen der Planer Menschen zweiter Klasse, deren Gesundheit und Lebensqualität weniger schützenswert sind als die von Anwohnern in förmlich ausgewiesenen Wohngebieten?

CDU Wirges und CDU Hessen – zwei Welten

Bemerkenswert war auch der Auftritt von Frau Marzi (CDU), Bürgermeisterin der VG Wirges. Während sie den Windkraftplänen der EVM offenkundig aufgeschlossen gegenübersteht, scheint ihr entgangen zu sein, dass ihre Parteifreunde im hessischen Odenwald gerade ins gegenteilige Horn blasen: Dort positioniert sich die CDU im laufenden Kommunalwahlkampf demonstrativ als Windkraftgegner-Partei und stilisiert sich zum Anwalt der besorgten Bürger gegen den Ausbau der Windindustrie. CDU hier, CDU dort – wem darf man glauben? Es drängt sich die Frage auf: Ist Windkraft für die CDU nur dann ein Problem, wenn gerade Wahlkampf ist? Und sind die Sorgen der Westerwälder Bürger weniger wert als die der Odenwälder?

Bewaffnetes Ordnungsamt und Polizeiaufgebot – hat man Angst?

Ein Bild, das bei vielen Besuchern für Verwunderung und Kopfschütteln sorgte: Vor dem Bürgerhaus waren bewaffnete Mitarbeiter des Ordnungsamtes postiert, und gleich zwei Streifenwagen der Polizei standen bereit. Hatte man etwa Angst vor den eigenen Bürgerinnen und Bürgern? In den Medien wird gerne das Narrativ gepflegt, Windkraftgegner seien gleichzusetzen mit Rechtsextremen und Querdenkern. Die Realität des Abends strafte diese Darstellung Lügen: Die gesamte Veranstaltung verlief vollkommen friedlich. Kein Zwischenfall, keine Eskalation – nur besorgte Menschen, die Fragen stellten und Antworten erwarteten, die sie nicht bekamen.

Vielleicht muss man sich in den Chefetagen der Energiekonzerne und in den politischen Gremien einfach einmal eingestehen: Man hat es hier nicht mit Extremisten oder Verschwörungstheoretikern zu tun, sondern mit ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern. Mit Menschen, die ihre Heimat lieben, die den Westerwald als Lebens- und Naturraum schätzen und die schlicht nicht bereit sind, ihre Landschaft und ihre Gesundheit für die kommerziellen Interessen der Windbarone zu opfern.

Die Veranstaltung in Wirges hat eines deutlich gezeigt: Von einer ergebnisoffenen Diskussion auf Augenhöhe sind Vertreter der Windindustrie und weite Teile der lokalen Politik noch weit entfernt. Die Bürgerinnen und Bürger der Region haben Besseres verdient als eine Verkaufsshow mit Polizeiaufgebot.