Interview von Prof. Kobe auf Merkur.de
Obwohl Deutschland die installierte Leistung bei Wind- und Solarenergie kontinuierlich ausbaut, stagnieren die tatsächlichen Jahreserträge. Bei Offshore-Windkraft gehen die Erträge seit 2020 sogar zurück, trotz neuer Anlagen.
Hauptursachen der Stagnation
- Cluster-Wake-Effekt: Windkraftanlagen nehmen sich gegenseitig den Wind weg – die vorderen Anlagen schirmen die nachfolgenden ab. Dieses strömungsmechanische Phänomen wurde in der Planung unterschätzt.
- Systemische Probleme: Netzengpässe zwischen der windreichen Nordsee und Verbrauchszentren im Süden führen zu Abregelungen. Bei negativen Strompreisen werden Anlagen vom Netz genommen.
- Extreme Diskrepanz: Im November 2025 betrug die installierte Leistung 185.745 MW, die tatsächliche mittlere Leistung lag aber nur bei 21.441 MW (11,54%). In windstillen Stunden sank sie auf nur 677 MW (0,36%).
Der „60-Prozent-Trick“
Der oft genannte Anteil von fast 60% erneuerbarer Energien am Strommix ist laut Kobe irreführend. Der Stromverbrauch ist von durchschnittlich 505 TWh (2015-2018) auf voraussichtlich 463 TWh (2025) gesunken – ein Rückgang um über 8%. Die Hauptursache sieht Kobe in der Deindustrialisierung: Der Prozentsatz steigt also nicht primär durch mehr grünen Strom, sondern durch sinkenden Gesamtverbrauch.
Dunkelflauten sind Normalzustand
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sind Dunkelflauten kein seltenes Extremereignis. 2025 deckten Wind und Solar in etwa 500 Stunden (rund drei Wochen) weniger als 10% des Strombedarfs. Im Sommer tritt nachts fast täglich Dunkelflaute auf. Prof. Kobe listet zahlreiche mehrtägige Perioden mit wenig Wind auf. Ein extremes Beispiel: In Sachsen gab es vom 15.-17. Februar 2025 über 72 Stunden eine nahezu vollständige Dunkelflaute. Nur in 6 von 72 Stunden konnte der Bedarf durch erneuerbare Energien gedeckt werden.
Physik versus Politik
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz arbeitet mit Jahresbilanzen und Mittelwerten, während das Stromnetz nach physikalischen Gesetzen funktioniert und in jeder Sekunde Erzeugung und Verbrauch übereinstimmen müssen. Kobe und sein Co-Autor Detlef Ahlborn kritisieren, dass bei gesetzlichen Vorgaben die Gesetze der Physik unzureichend berücksichtigt wurden.
Batteriespeicher reichen nicht
Die aktuellen 23 GWh Speicherkapazität reichen nur für etwas mehr als eine Stunde durchschnittlichen Stromverbrauchs. Batteriespeicher können kurzfristige Schwankungen ausgleichen, aber keine mehrtägigen oder mehrwöchigen Flauten überbrücken.
Negative Strompreise als Warnsignal
2025 gab es über 560 Stunden mit negativen Strompreisen (fast 8% des Jahres). Dies zeigt ein Überangebot zur falschen Zeit, meist mittags durch Photovoltaik. Prof. Kobe fordert eine ehrliche Debatte über Zielkonflikte, technologische Grenzen und wirtschaftliche Folgen der Energiewende.