ABO Energy: Vom Windpionier in die Sanierung
ABO Energy – ursprünglich ABO Wind – gehörte zu den renommiertesten Windkraftprojektierern Deutschlands. Das Wiesbadener Unternehmen wurde 1996 gegründet, entwickelte Projekte auf vier Kontinenten und beschäftigte zuletzt über 1.200 Mitarbeiter. Auch im Blauen Ländchen rund um Nastätten ist ABO Energy seit 2011 aktiv – und hat dort nach jahrelangem Genehmigungsmarathon vier Windenergieanlagen in den Gemarkungen Himmighofen und Kasdorf genehmigt bekommen.
Doch hinter der Energiewende-Fassade hat sich ein wirtschaftliches Drama entwickelt, das nun auch die Bürgerinnen und Bürger der Region betrifft.

Die Chronologie des Absturzes
Die Zeitleiste ist aufschlussreich – gerade im Verhältnis zur gleichzeitigen Bürgerbeteiligung:
- September 2024: Die vier Windkraftanlagen in Himmighofen und Kasdorf erhalten die Genehmigung. Im November gewinnt ABO Energy erfolgreich einen Einspeisetarif.
- 19. November 2025: ABO Energy veröffentlicht eine Gewinnwarnung – und schockiert den Kapitalmarkt. Statt eines erwarteten Gewinns von bis zu 39 Millionen Euro erwartet das Unternehmen für 2025 plötzlich einen Verlust von rund 95 Millionen Euro. Die Aktie bricht um über 26 Prozent ein.
- 25. September – 31. Januar 2026: In eben diesem Zeitraum wirbt ABO Energy öffentlich für ein Bürgerbeteiligungsangebot in der VG Nastätten – ein Nachrangdarlehen mit 6,5 % Zinsen und Laufzeit bis Ende 2031. Beworben nicht nur durch das Unternehmen selbst, sondern auch über offizielle Kanäle der Verbandsgemeinde und durch Bürgermeister Jens Güllering persönlich.
- 15. Januar 2026: Zweite Gewinnwarnung. Der erwartete Verlust verdoppelt sich auf rund 170 Millionen Euro – ein Novum in der fast 30-jährigen Unternehmensgeschichte.
- 23./26. Januar 2026: ABO Energy schließt eine Stillhaltevereinbarung mit seinen wesentlichen Gläubigern. Banken und Kreditgeber verzichten vorübergehend auf die Durchsetzung ihrer Rechte, um Verhandlungen über ein Sanierungskonzept zu ermöglichen. Die Aktie liegt mittlerweile bei 4,25 Euro – ein Verlust von über 90 Prozent gegenüber dem Jahreshoch von 45,20 Euro. Die Unternehmensanleihe notiert nur noch bei etwa 16 Prozent des Nennwerts.
- 9. März 2026: Die Anleihegläubiger stimmen mit 99-prozentiger Mehrheit dem Sanierungskurs zu – und geben damit indirekt zu erkennen, wie ernst die Lage ist.
- Bis 31. Mai 2026: Ein unabhängiger Gutachter muss die Durchfinanzierung des Unternehmens bestätigen. Fällt das Testat negativ aus, endet die Stillhaltevereinbarung vorzeitig – mit ungewissen Folgen für alle laufenden Projekte.
Quelle: https://www.niederwallmenach.org/

Das Nachrangdarlehen: Wer hat hier wen informiert?
Hier liegt der eigentliche Skandal. Die erste Gewinnwarnung von ABO Energy wurde am 19. November 2025 veröffentlicht. Der Kapitalmarkt reagierte sofort. Das Bürgerbeteiligungsangebot für die Region Nastätten lief offiziell noch bis 31. Januar 2026 – und wurde weiter aktiv beworben, unter anderem über die offiziellen Kanäle der Verbandsgemeinde.
Das Angebot: Ein Nachrangdarlehen über die ABO Energy Bürgerbeteiligung GmbH & Co. KG, Mindestbetrag 500 Euro, Maximalanlage 10.000 Euro, 6,5 % Zinsen jährlich, Laufzeit bis 31. Dezember 2031.
Was ist ein Nachrangdarlehen? Im Klartext: ein Darlehen, das im Insolvenzfall nach allen anderen Gläubigern bedient wird – also faktisch als letztes oder gar nicht. Die höheren Zinsen sind keine Gnade, sondern Kompensation für das hohe Ausfallrisiko. Für Kleinanleger, die auf Projektentwickler wie ABO Energy vertrauen, ist das eine Wette mit asymmetrischem Risiko: Der mögliche Gewinn ist begrenzt (6,5 % p.a.), der mögliche Verlust beträgt 100 % des eingelegten Kapitals.
Am 6. Januar 2026 – als die erste Gewinnwarnung schon sechs Wochen alt war – verschob ABO Energy die Zeichnungsmöglichkeit auf „voraussichtlich April 2026“ und begründete dies mit „organisatorischen Gründen“. Von der wirtschaftlichen Schieflage war keine offizielle Rede.
Die Verbandsgemeinde, die das Angebot aktiv beworben hat, steht damit vor einer unangenehmen Frage: Hat sie ihre Bürgerinnen und Bürger ausreichend über die Risiken informiert – oder hat sie die positive Außendarstellung von ABO Energy unkritisch weitergetragen?
Quelle: VG Nastätten
Das Projekt wird verkauft – und dann?
In diese Gemengelage fällt nun der Verkauf des Windparks Himmighofen-Kasdorf. Handelsregisterdaten zeigen, dass die ABO Wind WP Kasdorf GmbH & Co. KG nicht mehr als Kommanditist im ABO-Energy-Konzern geführt wird – ein klares Indiz für einen vollzogenen Verkauf der Projektgesellschaft. Der neue Eigentümer: offenbar die uniPlan Gruppe aus Dresden.
Was ist die uniPlan Gruppe?
uniPlan ist keine klassische Energiegesellschaft. Das 2020 gegründete Unternehmen beschreibt sich selbst als „progressiver Dienstleister für ein Family Office“ – ein Begriffspaar, das einer Erklärung bedarf. Der Begriff „Family Office“ bezeichnet eine Vermögensverwaltungsstruktur wohlhabender Einzelpersonen oder Familien. Ein Family Office verwaltet das Vermögen einer oder mehrerer Unternehmerfamilien – oft diskret, langfristig orientiert und ohne öffentliche Rechenschaftspflicht gegenüber externen Anlegern. Konkret bedeutet das: Hinter der uniPlan Gruppe steht eine nicht namentlich genannte wohlhabende Familie oder ein enger Investorenkreis aus dem Dresdner Raum. uniPlan energy verwaltet nach eigenen Angaben rund 225 Megawatt an Onshore-Windparks und Solarparks in Deutschland, Frankreich, Polen und Tschechien als Asset Manager. Das Unternehmen kauft also bestehende oder im Bau befindliche Projekte auf, betreibt sie und optimiert deren wirtschaftliche Rendite für seinen Auftraggeber. Geschäftsführer der uniplan Management GmbH ist Philipp Richter. Das Stammkapital der Gesellschaft beträgt lediglich 50.000 Euro – für ein Unternehmen, das Windparks im Wert von vermutlich zig Millionen Euro kauft, eine ungewöhnlich dünne Eigenkapitaldecke. Das Investitionsvolumen liegt also klar beim dahinterstehenden Family Office, nicht bei der GmbH selbst.
Ein Asset Manager als Windparkbetreiber – was bedeutet das?
Das Modell ist in der Branche nicht unüblich: Ein Entwickler wie ABO Energy plant und baut, ein Finanzinvestor kauft das fertige oder teilfertige Projekt und kassiert über Jahrzehnte die Einspeisevergütung. Für die Region bedeutet das jedoch eine fundamentale Verschiebung: Statt eines auf operative Exzellenz ausgerichteten Energieunternehmens steht künftig ein anonymes Family Office hinter dem „Industriepark“ – mit allen Fragen, die das aufwirft.
Wer ist Ansprechpartner bei Problemen? Wer haftet, wenn Pachtzahlungen ausbleiben? Wie transparent wird der neue Betreiber mit den Gemeinden kommunizieren? Und: Unter welchen Bedingungen hat uniPlan den Park von ABO Energy erworben – möglicherweise zu einem Vorzugspreis, der die finanzielle Notlage des Verkäufers widerspiegelt?
Was droht den Betroffenen?
Für die Gemeinden Himmighofen und Kasdorf
Bestehende Pachtverträge gehen bei einem Eigentümerwechsel grundsätzlich auf den Käufer über – ein vollständiger Verlust der Pachteinnahmen ist nicht zwingend. Aber: Der Park befindet sich noch im Bau, der Betrieb ist für Ende 2026 geplant. Verzögerungen, Umfinanzierungen oder Umstrukturierungen durch den neuen Eigentümer können Pachtbeginn und -höhe beeinflussen. Außerdem verlieren die Gemeinden mit dem Verkauf an einen außerregionalen Finanzinvestor erheblichen indirekten Einfluss: Ein lokaler Betreiber hat andere Interessen an der Region als ein Family Office.
Für die Zeichner des Nachrangdarlehens
Das ist die kritischste Gruppe. Das Nachrangdarlehen wurde von der ABO Energy Bürgerbeteiligung GmbH & Co. KG emittiert – einer Tochtergesellschaft von ABO Energy, nicht von der Projektgesellschaft. Der Verkauf des Windparks selbst entlastet diese Gesellschaft möglicherweise nicht oder kaum, da die Erlöse aus dem Verkauf in erster Linie zur Bedienung vorrangiger Gläubiger (Banken, Anleiheinhaber) verwendet werden.
Im Fall einer Insolvenz von ABO Energy würden die Zeichner des Nachrangdarlehens als letzte bedient – nach allen Banken, nach allen Anleihegläubigern, nach Lieferanten und weiteren Geschäftspartnern. Die verbleibende Quote für Nachranggläubiger liegt in typischen Insolvenzfällen nahe null.
Wer zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 ein solches Darlehen gezeichnet hat oder gezeichnet hätte, tat dies in einer Phase, in der die Krise von ABO Energy am Kapitalmarkt bereits voll sichtbar war – aber in der lokalen Kommunikation der Verbandsgemeinde offenbar keine Rolle spielte.
Die unbequeme Bilanz
Die Geschichte des Windparks Himmighofen-Kasdorf illustriert eine strukturelle Schwäche bei der Bürgerbeteiligung an Energieprojekten: Es gibt keine unabhängige Stelle, die prüft, ob Gemeinden und Bürger ausreichend über die wirtschaftliche Lage des Projektentwicklers informiert werden, bevor sie zur Zeichnung von Finanzprodukten aufgerufen werden.
ABO Energy hat ein legitimes Geschäftsmodell betrieben. Doch ein Nachrangdarlehen, das im Hochrisikozeitraum eines sich anbahnenden Sanierungsverfahrens beworben wird – mitbeworben von Kommunalpolitikern, die möglicherweise selbst nicht alle Hintergründe kannten – ist ein Problem, das über den Einzelfall hinausgeht.
Der Windpark wird gebaut. Der neue Betreiber heißt uniPlan energy, dahinter steht ein anonymes Family Office. Die Gemeinden werden Pachteinnahmen erhalten – voraussichtlich. Und die Bürger, die dem alten Betreiber Geld geliehen haben, warten ab, ob ihr Kapital zurückkommt.
Quellen: ABO Energy Ad-hoc-Meldungen (November 2025 – März 2026), ABO Energy Pressemitteilungen, Handelsregister, niederwallmenach.org, VEE Sachsen e.V., uniplan-management.de, uniplan-gruppe.com, Northdata, aktiencheck.de, Solarserver.de.