Die aktuelle Ölkrise, ausgelöst durch die Blockade der Straße von Hormus infolge des Irankriegs 2026, trifft die deutsche Energiewende zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Mit einem Ölpreis, der sich innerhalb weniger Monate nahezu verdoppelt hat, und globalen Lieferketten unter massivem Druck, gerät die Windindustrie ins Stocken.
Windturbinen sind keine ölfreie Technologie
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Windenergie nichts mit Öl zu tun hat. Tatsächlich sind Windturbinen sowohl in ihrer Aufbau-, als auch der Betriebsphase erheblich auf Mineralöl angewiesen. Eine durchschnittliche 2-MW-Anlage benötigt rund 600 Liter Schmieröl allein für Getriebe und Hydrauliksystem. Für die größeren Klassen liefert eine Fachquelle für Getriebeentwicklung folgende Richtwerte: Größere Offshore-Turbinen von 5 MW bis 8+ MW benötigen typischerweise 1.500 bis über 3.000 Liter Getriebeöl, bedingt durch die erhöhten Anforderungen an Drehmomentübertragung und Wärmemanagement.
| Anlagengröße | Getriebeöl (ca.) |
|---|---|
| 2 MW | ~600 Liter |
| 3 MW | ~1.000–1.400 Liter |
| 5 MW | ~1.500–2.000 Liter |
| 6 MW | ~2.000–2.500 Liter |
| 7 MW | ~2.500–3.000 Liter |
Nebenstehende Schätztabelle zeigt den Bedarf an Getriebeöl p.a. allein, ohne Transformator. Eine 3-MW-Anlage verbraucht über ihre 20-jährige Lebensdauer also 1,27 Tonnen Schmierstoffe. Ohne diese Mineralöle ist ein zuverlässiger Betrieb schlicht unmöglich.
Dieser hohe Ölbedarf ist ein guter Grund, warum Windturbinen auf keinen Fall in Wald, Trinkwasserschutzgebeiten oder Lebensmittelerzeugungsflächen platziert werden sollten! Eine Havarie hat eine Ölpest zur Folge.
Der unterschätzte Ölverbraucher: Der Transformator
Noch weniger im öffentlichen Bewusstsein als das Schmieröl im Getriebe ist der Ölbedarf der Transformatoren. Transformatoröl dient nicht zur Schmierung, sondern zur elektrischen Isolation und zur Kühlung der Wicklungen — und es wird in erheblichen Mengen benötigt. Eine 2-MW-Anlage kommt auf rund 1.200 kg allein im Turbinentrafo; bei einer 3-MW-Anlage weist die Vestas-Lebenszyklusanalyse sogar 13 Tonnen aus — ein Wert, der wahrscheinlich den Sammeltransformator des Windparks einschließt, der die Leistung mehrerer Turbinen bündelt. Bei Offshore-Anlagen der 5- bis 7-MW-Klasse dürften es nach allgemeinen Transformatordaten 3.000 bis 8.000 Liter pro Einheit sein, wobei dort aus Brand- und Umweltschutzgründen häufig teureres Esteröl statt Mineralöl zum Einsatz kommt. Damit ist der Transformator in den größeren Leistungsklassen mit hoher Wahrscheinlichkeit der größte einzelne Ölverbraucher einer Windkraftanlage — noch vor dem Getriebe. Auch dieser Kostenfaktor wird durch die aktuelle Ölkrise direkt und spürbar getroffen.
Konkrete Folgen der Ölkrise für den Windenergieausbau
- Steigende Betriebskosten: Teureres Mineralöl verteuert die Wartung aller bestehenden Windparks sofort und direkt.
- Teuerere Logistik: Der Transport von Rotorblättern — ohnehin einer der logistisch aufwändigsten Vorgänge im Infrastrukturbereich, mit Schwertransporten, Sondergenehmigungen und Nachtfahrten — wird durch steigende Dieselpreise massiv teurer. Umschlagplätze wie Bristol/UK, über die Rotorblätter für den britischen und nordeuropäischen Markt laufen, melden bereits Versorgungsengpässe bei Treibstoff für Schwerlastfahrzeuge.
- Gestörte Lieferketten: Die energie- und transportintensive Herstellung von Rotorblättern, Türmen und Gondelkomponenten wird teurer, was Ausschreibungskalkulationen und Projektfinanzierungen gefährdet.
- Gesamtwirtschaftlicher Gegenwind: Das IW Köln erwartet bei einem Ölpreis von 150 Dollar BIP-Verluste von über 80 Milliarden Euro bis 2027. Steigende Inflation und höhere Finanzierungskosten engen den Investitionsspielraum für Energieprojekte erheblich ein.
Atomkraft gewinnt an Boden
Gleichzeitig ist weltweit eine deutliche Verschiebung hin zur Kernenergie zu beobachten. Viele Länder setzen angesichts geopolitischer Unsicherheiten und der Erkenntnis, dass erneuerbare Energien öl- und transportabhängig sind, wieder verstärkt auf Atomkraft als stabile Grundlastquelle. Diese Entwicklung entzieht der Windenergie politisches Kapital und Investitionsmittel gleichermaßen. Die Windkraft ist zu stark mit der fossilen Wirtschaft verflochten, um von einem Ölpreisschock zu profitieren. Sie leidet unter denselben Kostensteigerungen wie alle anderen energieintensiven Industrien — und verliert gleichzeitig im internationalen Vergleich an Boden gegenüber der Atomkraft.
Windpark-Projektierer in der Krise
Die deutschen Projektierer für erneuerbare Energien stecken in einer tiefen strukturellen Krise — lange bevor die aktuelle Ölkrise ihren vollen Kostendruck entfaltet hat.
- ABO Energy – Sanierung auf Abruf: ABO Energy, einer der größten deutschen Windpark-Projektierer, verzeichnete 2025 erstmals in seiner 30-jährigen Geschichte rote Zahlen — und zwar massiv: 170 Millionen Euro Verlust bei 230 Millionen Euro Gesamtleistung. Ursache sind überzeichnete Onshore-Wind-Auktionen in Deutschland, die zu drastisch gesunkenen Einspeisevergütungen führten, sowie Sonderabschreibungen und Projektverschiebungen ins laufende Jahr. Der Aktienkurs kollabierte von 45,20 Euro auf ein Tief von 4,25 Euro — ein Minus von über 90 Prozent. Am 9. März 2026 stimmten die Anleihegläubiger mit 99 Prozent dem Sanierungskurs zu und setzten eine Negativverpflichtung aus, die neue Bürgschaften blockiert hatte. Ohne diese Bürgschaften hätte ABO Energy an keinen weiteren Ausschreibungen teilnehmen können. Unmittelbar nach der Abstimmung trat der Finanzvorstand zurück.
- BayWa r.e. – Sanierungsplan geplatzt: Noch dramatischer ist die Lage beim Mutterkonzern BayWa, dessen Restrukturierung maßgeblich auf dem geplanten Verkauf der Energietochter BayWa r.e. basierte. Kalkuliert war ein Erlös von 1,7 Milliarden Euro bis 2028 — doch veränderte Regulierung im US-Markt hat den erzielbaren Verkaufspreis massiv gedrückt. Der Sanierungsplan ist damit Makulatur. Die Jahresprognose 2026 wurde komplett gestrichen, der Jahresabschluss 2025 wird sich voraussichtlich bis ins vierte Quartal 2026 verzögern. CEO Frank Hiller ist zurückgetreten, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen laufen. Vom Gesamtsanierungsziel von 4 Milliarden Euro sind erst knapp 33 Prozent erreicht.
ABO Energy und BayWa r.e. sind keine Ausreißer. PNE (Cuxhaven) musste ebenfalls eine Gewinnwarnung herausgeben. CEO Heiko Wuttke warnt öffentlich vor einem „massiven Einbruch“ beim Ausbau erneuerbarer Energien — ausgelöst auch durch einen Referentenentwurf des Wirtschaftsministeriums, der Entschädigungen bei Netzabregelung für Neuanlagen abschaffen will. Die strukturellen Ursachen sind überall dieselben: überzeichnete Auktionen, sinkende Vergütungen, regulatorische Unsicherheit und gestiegene Finanzierungskosten. Die jetzt hinzukommenden Kostensteigerungen durch die Ölkrise — bei Transport, Schmier- und Transformatoröl sowie Logistik — treffen eine Branche, die sich bereits im Überlebenskampf befindet.