1,2 Milliarden Euro versenkt – Die EnBW-Offshore-Krise und ihre Folgen für Baden-Württemberg

Wie die EnBW mit zwei britischen Offshore-Projekten scheiterte und warum das Land Baden-Württemberg und seine Kommunen die Rechnung tragen. Der Energiekonzern EnBW muss 1,2 Milliarden Euro abschreiben, nachdem er sich aus zwei geplanten Offshore-Windparks vor der britischen Küste zurückgezogen hat. Das Debakel trifft einen Konzern, der zu über 90 Prozent der öffentlichen Hand gehört – und damit die Bürgerinnen und Bürger Baden-Württembergs.

Die gescheiterte Wette auf die Irische See

„Mona“ und „Morgan“ sollten Vorzeigeprojekte der Energiewende werden: zwei gigantische Windparks in der Irischen See, mehrere Dutzend Kilometer vor der britischen Küste. Zusammen hätten sie eine Leistung von rund drei Gigawatt erreicht – genug Strom für mehr als zwei Millionen Haushalte. Seit 2021 entwickelte EnBW die Projekte gemeinsam mit dem Joint Venture JERA Nex BP. Doch gebaut wurde nichts. Kein Fundament, kein Windrad, kein Stromanschluss. Im Januar 2026 zog der Karlsruher Konzern die Reißleine. Der Grund: Bei den britischen Auktionen für staatlich garantierte Strompreise – sogenannte Contracts for Difference – ging EnBW leer aus. Ohne diese Förderzusagen rechneten sich die Projekte nicht mehr. Steigende Kosten in der Lieferkette, höhere Zinsen und wachsende Umsetzungsrisiken verschärften die Lage zusätzlich. Bis zum Ausstieg hatte EnBW nach Reuters-Informationen bereits rund 840 Millionen Pfund investiert. Die Folge: eine außerplanmäßige Wertberichtigung von 1,2 Milliarden Euro im Jahresabschluss 2025.

Das Debakel in Zahlen

  • 1,2 Mrd. € Abschreibung im Jahresabschluss 2025
  • ~93 % EnBW-Anteile in öffentlicher Hand
  • 3 GW – Geplante Leistung der Windparks
  • 3 Mrd. € – Kapitalerhöhung kurz zuvor

Wem gehört die EnBW – und wer trägt den Schaden?

Die EnBW ist kein gewöhnlicher börsennotierter Konzern. Das Land Baden-Württemberg und der Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW), der neun oberschwäbische Landkreise vertritt, halten jeweils 46,75 Prozent der Anteile. Der geringe Rest befindet sich im Streubesitz. Das Land hält seine Anteile über die Gesellschaft NECKARPRI – eine Konstruktion, die aus dem umstrittenen Rückkauf der Anteile vom französischen Konzern EDF im Jahr 2010 stammt, für den das Land unter Ministerpräsident Stefan Mappus 4,7 Milliarden Euro zahlte. Die 1,2 Milliarden Euro Abschreibung treffen damit nicht anonyme Kapitalmärkte, sondern öffentliche Haushalte. Doppelt bitter: Land und OEW-Landkreise hatten der EnBW erst kurz zuvor eine Kapitalerhöhung über drei Milliarden Euro gewährt. Von diesem frischen Kapital ist nun bereits die erste Milliarde verloren.

Sinkende Ergebnisse treffen nicht anonyme Kapitalmärkte, sondern Haushalte, die zum Beispiel Kindergärten finanzieren sollen.

Markt und Mittelstand

Gewerbesteuer, Dividenden und die Folgen für die Kommunen

Die EnBW betont, die Abschreibung sei „nicht zahlungswirksam“ und belaste das operative Ergebnis nicht. Für 2025 wird weiterhin ein bereinigtes EBITDA von 4,8 bis 5,3 Milliarden Euro erwartet. Doch das ändert nichts daran, dass Eigenkapital und Bilanz schrumpfen. Die Auswirkungen auf die Gewerbesteuer – EnBW hat seinen Sitz in Karlsruhe – lassen sich erst nach dem vollständigen Jahresabschluss beziffern. Grundsätzlich gilt: Abschreibungen dieser Größenordnung können den steuerlichen Gewinn senken und damit perspektivisch auch die Steuerzahlungen mindern. Wichtiger noch dürften die mittelfristigen Auswirkungen auf die Dividendenpolitik sein. Für die neun OEW-Landkreise, die ihre kommunalen Haushalte teilweise auf EnBW-Ausschüttungen stützen, könnte das spürbar werden. Hinzu kommt, dass über 30 Kreissparkassen über das sogenannte Südwest-Konsortium an TransnetBW, dem Übertragungsnetzbetreiber der EnBW, beteiligt sind. Damit wurde das Risiko weit über die direkten Anteilseigner hinaus in die kommunale Landschaft Baden-Württembergs gestreut.

Politisches Beben im Wahlkampf

Das Timing hätte kaum ungünstiger sein können: Baden-Württemberg wählt im März 2026 einen neuen Landtag. Der grüne Finanzminister Danyal Bayaz, der im Aufsichtsrat der EnBW sitzt, steht unter Druck. Die FDP verlangt Aufklärung, ob der Milliardenverlust absehbar war, als die Kapitalerhöhung beschlossen wurde. Die AfD kündigt einen Untersuchungsausschuss an. Staatssekretärin Gisela Splett (Grüne) sieht die EnBW dennoch auf gutem Kurs. Die 1,2 Milliarden würden sich nicht auf die Bonität oder den Haushalt auswirken. Der neue EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos richtet den Konzern derweil strategisch neu aus: mit weiteren Offshore-Projekten in deutschen Gewässern, Wasserstoff aus Saudi-Arabien und dem geplanten Bau von Gas- und Dampfkraftwerken als Backup für erneuerbare Energien. Doch eine Frage bleibt: Wenn der Ausstieg eine verantwortungsvolle Entscheidung war, wie das Finanzministerium betont – warum galt dann der Einstieg jahrelang als alternativlos? Die Energiebranche hatte von Beginn an vor dem Rekordgebot bei der britischen Flächenauktion gewarnt. In den Worten einer schottischen Zeitung damals: eine „riesige Wette“. Es war eine Wette, die verloren wurde.